Jahre ohne Sprache
Ich-Erzählerin Natascha lebt seit zwei Jahren in einer alten Knopffabrik am Rand der Stadt, zusammen mit Jul, Zin, Roa und Ari. Sie leben in einer Art Familie, in der es "kein Er, kein Sie, keine Hierarchie gibt, nur ein Wir". Roa hatte die traumatisierte
Natascha damals gefunden, nachdem sie an der Tankstelle „die Hand“ wiedergesehen hatte. In Rückblicken erfährt man, was Natascha als Teenager widerfahren ist. In der achten Klasse hatte die Mutter die Familie verlassen, die Brüder waren auch schon ausgezogen und der Vater schlief vor dem Fernseher ein. Da hatte Natascha in ihrer Clique mehr Geborgenheit gefunden – bis „die Hand“ kam, die der betrunkenen Jugendlichen zwischen die Beine fasste. Seitdem galten sie als ein Paar. Sie hatte keine Worte für das, was ihr damals geschah, hatte keine Abmachung getroffen: „Ich lag in seinen Armen wie ein erlegtes Reh“ (S. 98). – Auch in der Knopffabrik lassen sie die alten Geschichten nicht los. Immer wieder träumt sie davon, wie sie in der Tankstelle „die Hand“ wiedersah. Und jedes Mal stellt sie sich eine andere Reaktion vor. – Die Journalistin und Autorin Ann Esswein erzählt eindringlich von dem Unbehagen und der Scham einer Jugendlichen ohne Schutz und von der jungen Frau, die versucht, sich die Deutungshoheit zurückzuholen.
Karin Blank
rezensiert für den Borromäusverein.
Jahre ohne Sprache
Ann Esswein
Ecco (2025)
187 Seiten
fest geb.