Der Berg, das Gewehr, der See
Der Icherzähler Lars-Einar blickt auf das Leben seines Vaters und die wenigen gemeinsamen, dafür intensiven Begegnungen zurück. Eigentlich wuchs er bei der Mutter und deren wechselnden Männern auf. Immer gespannt und voller Sehnsucht nach dem Vater,
der sich als Seemann auf den Meeren der Welt aufhielt. Für den Sohn nicht präsent war. Und als Erstgeborener von seiner Herkunftsfamilie, alteingesessene norwegische Grundstücksbesitzer, ob seiner auch durch Drogen und Alkohol bedingten Gewalttätigkeiten, verstoßen. Als Lars-Einar neun Jahre alt ist, verbringt er mit dem Vater einen Sommer auf dem Gut der Familie, beide ordnen sich ein in die bäuerlichen Aufgaben, sind Teil der Gemeinschaft. Der Vater blüht auf, hofft auf sein Erbe und will dem Sohn alles mitgeben, was auch er als potenzieller Familiennachfahre einmal brauchen kann. Zu der entsprechenden Hinführung zählt eine rituelle Bergbesteigung, die jeder Erstgeborenen mit seinem Ältesten möglichst früh absolviert. Der Initiationsritus (mit zahlreichen alttestamentlichen Bezügen) beinhaltet Distanz und Nähe, Hass und Liebe. Der Vater will „versuchen, dich zu retten, deine Seele“ (42). Vieles, was in diesem Sommer grundgelegt wird, verspielt der Vater in den Augen des Sohnes in den nachfolgenden Jahren wieder. Es bleibt diesem die Sehnsucht nach einem vorbildhaften Vater. – Ein offensichtlich autofiktionale Sohn-Vater-Geschichte mit archaischen Zügen, die um den Wert einer gelungenen Kind-Eltern-Beziehung kreist, ausdrucksstark und spannend. Und: ein handwerklich aufwendig in Lettland hergestelltes Buch. – Für größere Bestände.
Rolf Pitsch
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Der Berg, das Gewehr, der See
Lars Ramslie ; aus dem Norwegischen von Andreas Donat
Karl Rauch (2026)
218 Seiten
fest geb.