Levins Mühle
Wer war Johannes Bobrowski? "Ein Trauerfall für das gesamte Deutschland", hieß es, als er 1965 starb. Dann wurde es still um den Autor, der 1964 in beiden Teilen Deutschlands einen Roman vorgelegt hatte. "Levins Mühle", geschrieben in der S-Bahn
mit einem Bleistift, spielt im Jahr 1874 an der südwestpreußischen Grenze im Milieu von Polen, Deutschen, Juden. Es geht um einen Rechtsstreit um eine Wassermühle, angelehnt an Bobrowskis eigene Familiengeschichte. Seinen Reiz gewinnt das heute immer noch sehr lesenswerte Buch vor allem aus seiner Sprache, die anspruchsvoll ist, ohne auf Jargon und Mundart zu verzichten, und die dadurch, wie Ingo Schulze schreibt, "die Schwerkraft der gewöhnlichen Mitteilung" mit jedem Satz überwindet. Auch die nationalen und religiösen Gegensätze, die aufeinandertreffen, erfassen ein lebendiges Zeitbild, das vielleicht mehr mit der Gegenwart des Autors zu tun hatte als mit der Geschichte aus dem 19. Jahrhundert. Ein kurioser, ein spannender, ein gegenwartsnaher Roman, wie Klaus Wagenbach, der das Buch seinerzeit lektorierte, in seinem klugen Nachwort schreibt. Für alle Bestände.
Michael Braun
rezensiert für den Borromäusverein.

Levins Mühle
Johannes Bobrowski
Wagenbach (2015)
228 S.
kt.