Jeder Stein erzählt von einem Leben
Durch Zufall stößt die Autorin auf einen Internetbericht, dass in Berlin für ihre Großeltern sog. Stolpersteine verlegt wurden. Das ist für sie der letzte Anstoß, deren Spuren ausfindig zu machen, denn ihre Mutter konnte nie darüber sprechen.
In Berlin wird Kohnstamm von der Gruppe, die sich um Stolpersteine kümmert, herzlich aufgenommen und bei ihren Nachforschungen unterstützt. Sie kann dank freundlicher Bewohner sogar die Häuser betreten, in denen Max und Mally Rychwalski ihre letzten Jahre verbrachten. Sie lernt auch, die erhaltene Korrespondenz in Sütterlinschrift zu entziffern, sodass langsam ein genaueres Bild entsteht, weshalb zwar die drei Kinder noch rechtzeitig aus Deutschland fortkamen, die Eltern den entscheidenden Zeitpunkt aber verpassten und in Theresienstadt umkamen. - Die Unfähigkeit überlebender Juden, selbst im engsten Familienkreis über das Schicksal der Familie zu sprechen, scheint ein weitverbreitetes Phänomen der lebenslangen Traumatisierung zu sein. Denn zeitgleich mit Kohnstamm setzt sich beispielsweise die französische Autorin Anne Berest mit dem gleichen Problem in Form eines autobiografischen Romans auseinander („Die Postkarte“, BP/mp 23/990). Kohnstamm wählt dagegen den Weg, ihre Großeltern durch die erhaltenen Briefe und aufgefundene Archivalien lebendig werden zu lassen. So zurückhaltend sie schreibt, so deutlich merkt man, wie sie manche Einzelheiten in den Grundfesten erschüttern, bis sie auch einige Schicksale aus dem Verwandtenkreis aufklären kann. Die Perspektive der unmittelbaren Nachkommen ist naturgemäß eine ganz andere als die der Geschichtsbücher: individueller und mit verengter Perspektive, dafür detailreicher, aber nichtsdestotrotz genauso eindrücklich wie allgemeinere Dokumentationen.
Pauline Lindner
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Jeder Stein erzählt von einem Leben
Jackie Kohnstamm ; Deutsch von Regina Jooß
L!MES (2023)
331 Seiten : Illustrationen
fest geb.