Weil der Mensch erbärmlich ist
Wilfried Wils ist noch keine zwanzig, als der Zweite Weltkrieg vom Zaun gebrochen und Belgien bald darauf von den Deutschen besetzt wird. Verschaffel, ein rechtsradikaler Bohéme, eröffnet ihm die Chance, Polizist zu werden. In dieser Position wird
Wils mehr und mehr zum Mitschuldigen, aber auch zum kritischen Beobachter der Ereignisse. Er erlebt, wie Menschen sich anpassen, wie Gleichgültigkeit und Antisemitismus um sich greifen, als Juden ausgegrenzt und deportiert werden. Wils offenbart sich damit die Erbärmlichkeit der menschlichen Existenz, wobei er die eigene Existenz nicht ausnimmt. Er klagt auch die an, die um jeden Preis Frieden wollen, weil sie häufig nicht ahnen, was es heißt, Opfer zu sein. Dieser Monolog eines alten Mannes, gerichtet an seinen Urenkel, zeigt die Sprachgewalt eines Autors, der in der Lage ist, grundlegende Themen menschlicher Existenz mit einem glaubwürdigen Plot und lebensnahen Figuren zu verbinden. Da Wils seine Geschichte aus der Gegenwart heraus erzählt, entstehen immer wieder Zeitbrüche, die zu einem neuen Blick auf die Vergangenheit führen, die aber auch genutzt werden, um Verbindungen zur Gegenwart herzustellen. Ein Buch voller Realismus und Menschlichkeit. (Übers.: Isabel Hessel u. Gregor Seferens)
Walter Brunhuber
rezensiert für den Borromäusverein.
Weil der Mensch erbärmlich ist
Jeroen Olyslaegers
DuMont (2018)
363 S.
fest geb.