Im Traum suche ich immer das Weite

Volker Winterberg ist wieder da. Der Protagonist, dem wir schon in Hilmar Klutes Debütroman "Was dann nachher so schön fliegt" (BP/mp 18/941) kennenlernen konnten, hat seine Vergangenheit in Berlin ad acta gelegt. Beinahe jedenfalls, denn auch im Im Traum suche ich immer das Weite jüngsten Roman "Im Traum suche ich immer das Weite" lässt ihn seine Berliner Affäre Katja am alten Wirkungsort, im Ruhrgebiet, nicht in Ruhe, er bekommt von ihr Briefe, die er mit ihr verwechselt. Eine verzwirbelte Existenz, ein Student mit erträglichen Sinnproblemen und hochfliegenden Schreibhoffnungen. Langwierig und behäbig wird von den Seminaren des Helden erzählt, die er an der Universität besucht, von pseudointellektuellen Dozenten und alten weißen Professoren. Das ist in anderen Campus-Romanen schon mal zügiger und pointierter passiert. Spannend aber geht es zu, wenn Volker Winterberg sich, statt dem Zivildienst in Seniorenheimen, den Geschichten seines Großvaters widmet, eines Bergmanns, und dessen Plots weiterspinnt, etwa die von einem unfreiwillig verweigerten Handschlag mit Hitler, woraus eine immerhin achtbare – das meint jedenfalls ein Dichter in einem Kurs für kreatives Schreiben – politische Satire Winterbergs entspringt, eine gute Story in einem nur teilweise überzeugenden Roman. Auch die Szenen im Bochumer Schauspielhaus sind amüsant geschildert, etwa die Begegnung mit einem wider Erwarten zugänglichen berühmten Schauspieler. Die Reiseszenen wiederum, die in Italien und in Ungarn spielen, sind von bemühter Munterkeit, aufgemöbelt von allerlei Figuren aus dem Geheimdienst- und Dissidentenmilieu. Streckenweise lesenswerte Coming-of-Age-Geschichte aus dem Studentenmilieu der späten 1980er-Jahre mit der nachdenklichen Frage, ob man im richtigen Teil der Welt geboren sein muss, um im falschen Teil ein einigermaßen gutes Leben zu haben.

Michael Braun

Michael Braun

rezensiert für den Borromäusverein.

Im Traum suche ich immer das Weite

Im Traum suche ich immer das Weite

Hilmar Klute
Galiani Berlin (2025)

297 Seiten
fest geb.

MedienNr.: 622313
ISBN 978-3-86971-296-3
9783869712963
ca. 24,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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