Elsas Welt
Er ist Historiker, Enkel, Familienforscher und wunderbar erzählen kann er auch noch. Andreas Kosserts Hymne an das Werden, Bestehen und Vergehen inmitten unzähliger aufgezwungener Veränderungen ist ein literarisches Kleinod. Im Mittelpunkt steht
die titelgebende Großmutter Elsa des Autors. Mit Fleiß und Akribie hat er ihren Lebensweg im 20. Jh. erforscht und um viele Geschichten und Schicksale weiterer Familienmitglieder ergänzt. Aufgewachsen in der mittelpolnischen Industriestadt Lodz, sind Elsa und ihre Familie ein kulturbuntes Geflecht aus deutschen und polnischen Ingredienzien, protestantisch in einem katholischen Umfeld, kleinunternehmerisch tätig in einem Arbeitermilieu. Zwei Weltkriege, Leid und Vertreibung, der Neuanfang in Niedersachsen 1946 bilden den geschichtlichen Hintergrund für eine der berührendsten, zärtlichsten Familiengeschichten seit langem. Verklärung des alten Lodz liegt dem Historiker Kossert dabei ebenso fern wie dem Enkel Andreas eine aufgesetzte Distanz zur geliebten Oma. Das Buch wendet sich an einen breiten Leserkreis, mit und ohne Vertreibungsschicksal und hat trotz der Kategorie Sachbuch belletristische Qualitäten. Das Werk rückt ganz nebenbei eine Reihe historischer Schablonen in die Nähe von Lebenslügen; die angeblich zügig gelungene Integration der Vertriebenen ins Deutschland der Adenauerjahre beispielsweise oder die klar geschnittenen Volkstumsgrenzen zwischen Polen und Deutschen vor den Katastrophen des 20. Jh. Ein großer Wurf. Allen Beständen empfohlen.
Werner Wagner
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Elsas Welt
Andreas Kossert
Siedler (2026)
412 Seiten : Illustrationen, Karten
fest geb.