Eine Insel
Seit 23 Jahren ist Samuel Leuchtturmwärter auf einer einsamen Insel vor der afrikanischen Küste. In dieser Zeit wurden mehr als 30 Leichen am Strand angespült, Opfer der noch bis vor Kurzem herrschenden Diktatur auf dem Festland. Eines Tages liegt
wieder ein junger Mann am Strand. Halbtot findet ihn Samuel, lädt ihn auf seinen Schubkarren und bringt ihn in sein Haus. Wird er überleben? Ist er ein Flüchtling und muss sich verstecken? Die Vorstellung, seine Einsamkeit zu verlieren, ruft bei Samuel Panik hervor. Er ist alt und seine Kräfte lassen nach. Muss er Angst haben vor dem Fremden? Er teilt widerwillig seine karge Ration mit dem jungen Mann, der langsam wieder zu Kräften kommt. Dessen Anwesenheit versetzt Samuel in seine Zeit als junger Mann, als die Kolonisatoren das Ackerland beschlagnahmt und die Menschen in den Dörfern mit Gewalt vertrieben haben. Er erinnert sich an die Flucht in die Stadt, die Armut, den Kampf des Vaters für die Unabhängigkeit, die dann zu einer Diktatur führte. Samuels Kampf gegen dieses System, seine Jahre im Gefängnis. Plötzlich sind seine traumatischen Erlebnisse wieder präsent und Hysterie ergreift den alten Mann. Ein eindrucksvoller Roman, der Parallelen zu so manchen brisanten aktuellen Themen hat und für den Booker Prize nominiert wurde.
Gabriele Berberich
rezensiert für den Borromäusverein.
Eine Insel
Karen Jennings ; aus dem Englischen von Regina Rawlinson
Blessing (2022)
238 Seiten
fest geb.