Ein gutes Gespür
Das Debüt der Kanadierin Jess Gibson schickt die Lesenden auf ganz unterschiedliche literarische Kurzreisen, an deren Ende es oftmals keine eindeutigen Antworten gibt. Die Geschichten beginnen oft im Alltäglichen und entfalten gerade dadurch ihre
Wirkung. Keine lauten Dramen, keine spektakulären Wendungen stehen im Mittelpunkt. Sondern Menschen, Begegnungen und Momente, die erst unscheinbar wirken und nach und nach ihre Tiefe entfalten. Lug und Betrug, Täuschung und Fehldeutung sind die raffinierten Zutaten dieser Geschichten, in die wir auch als Lesende geraten. Wir schätzen vielleicht, ebenso wie die Protagonisten der einzelnen Erzählungen, die Situation "falsch" ein. Ein untreuer Mann, der nicht ahnt, dass seine Frau ihn durchschaut, bis sie bei einer Jagd nicht auf Fasane zielt, sondern auf ihn. Hier trifft schwarzer Humor auf Spannung. Oder die Geschichte "Lichttäuschung", die ein wenig unheimlich anmutet, taucht doch am Ende ein "Geist" auf. – Die Erzählungen sind atmosphärisch dicht, wunderbar stimmig und mit Gespür für Zwischentöne. In nur wenigen Sätzen gelingt es Jess Gibson, unvergessliche Porträts zu zeichnen. Etwa das eines Mannes, der mit einem "Hundekot-Auffangsystem" finanziellen Schiffbruch erleidet. Wer literarische Kurzgeschichten mag, die vom genauen Beobachten leben und noch eine Weile im Kopf bleiben, kann an diesem Buch viel Freude haben. Eine Sammlung stiller, kluger und oft überraschender Texte. Für eine literarisch interessierte Leserschaft geeignet.
Silvia Eilers
rezensiert für den Borromäusverein.
Ein gutes Gespür
Jess Gibson ; aus dem Amerikanischen von Eva Bonné
Blessing (2026)
stories
208 Seiten
fest geb.