Aus anderem Holz

Eine starke Idee, eine instabile Erzählung: Der Eindruck ist zwiespältig bei Musios alternativer Nacherzählung der Pinocchio-Fabel. Es beginnt mit dem spektakulären Abrutsch eines Friedhofs in einem norditalienischen Küstenort. Im Meer schwimmen Aus anderem Holz Särge, Gebeine, eine Muttergottesstatue; ein Mann springt ins Wasser und wird gerettet. Eine Urne kommt zum Vorschein. Sie birgt ein düsteres Familiengeheimnis. Und ein junger Mann namens Pinò macht sich auf, um den Geretteten in seinem toskanischen Dorf zu pflegen. Es ist Geppetto, ein Tischler. Er hat Pinò einst geschnitzt und, als dieser mithilfe der Madonna Mensch wurde, an Sohnes statt angenommen. Damit sind alle Zutaten beisammen, um die klassische Schelmen-Story anders und neu zu erzählen. Doch der Schweizer Autor überfordert den Stoff. Lokalkrimi, Frankenstein-Horror, Menschwerdungstragödie, Romanze und Parabel: Das geht wild durcheinander und strudelt innerhalb des Erzählstroms herum. Pinò, soviel ist klar, ist auf der Suche nach dem Geheimnis seiner Schöpfung: Hatte der Vater einen Gotteskomplex, hat er den Sohn missbraucht? War er, Pinò, nur Ersatzsohn für den echten, der früh starb? Und was stellt der falsche Körper, der hölzerne, in dem neuen aus Fleisch und Blut an? Musios Pinocchio ist ein Trans-Mensch, ohne Nabel und also ohne Ursprungsbeweis, eine tragikomische Figur. Immerhin kommt Musios Erzählung am Ende zu einem aufrichtig-aufgeklärten Menschenbild: aus dem „krummen Holz der Humanität“, aus dem wir geschnitzt sind, kann nie etwas Gerades werden. Deshalb trotz einiger Lesehürden empfehlenswert.

Michael Braun

Michael Braun

rezensiert für den Borromäusverein.

Aus anderem Holz

Aus anderem Holz

Giuliano Musio
Luftschacht Verlag (2026)

288 Seiten
fest geb.

MedienNr.: 626966
ISBN 978-3-903422-79-7
9783903422797
ca. 26,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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