Dein Wille wohnt in den Wäldern
Wo ist der eigene Platz im Leben? Der 1998 in Nordschweden geborene und derzeit in Stockholm lebende Kulturjournalist Mattias Timander hat seinen Debütroman dieser Frage gewidmet. Sein Held ist jung. Er hat sich nach dem Abitur in die Region seiner
Vorfahren zurückgezogen, in eine Hütte in Lappland. Seine Tagesarbeit besteht aus Holzsammeln und Nahrungsbeschaffung, in den Wintern schläft er lange. Seine wichtigste Gesprächspartnerin ist Viola, eine auf die 70 zugehende Frau, die sich nach ihrer Arbeit als Verkäuferin in ihre Storstuga zurückgezogen hat, eine wohnliche Hütte. Der Ich-Erzähler hört hier die Geschichten der Familie und der ethnischen Minderheit der Tornedaler, der er angehört. Und er liest die Romane von Kafka, Joyce, Woolf, Flaubert, Fallada. Freilich: Auch darin findet er keine Heimat. Die nächste Station ist die Großstadt Stockholm. Dort zieht er durch Cafés und Bars, liest weiter und lernt die bestens vernetzte Autorin und Lebenskünstlerin Vera kennen, die ihm die Grenzen des Wissens aus Büchern aufzeigt. Schließlich finden wir den Erzähler im dritten Kapitel des Buches wieder in seiner lappländischen Hütte, die Lektüren sind erkaltet, seine alte Freundin ist sterbenskrank, und er nimmt sich vor, das Erbe der Generationen vor ihm anzunehmen und sich um das Schicksal seines Landes zu kümmern. Heimat ist hier Herkunft, wehmütig und zugleich hoffnungsvoll. Das Schlussbild ist aber ambivalent, denn was im Kamin der Storstuga brennt, ist ein Buch. – Ein eindringlich erzählter Roman, der davor warnt, das Wissen aus Büchern zu überschätzen, und dazu einlädt, über den spannungsvollen Zusammenhang von Heimatsuche und Lebenskunst nachzudenken.
Michael Braun
rezensiert für den Borromäusverein.
Dein Wille wohnt in den Wäldern
Mattias Timander ; übersetzt von Hanna Granz
Allee Verlag (2025)
191 Seiten
fest geb.