An die Deutschen
Dieser Band ist eine Entdeckung: ein Gedichtband der 1903 in Odessa geborenen Juliette Pary. Mit dem Leitsatz „Éduquons les éducateurs“ widmete sie sich der Reformpädagogik, leitete ein zionistisches Pionierprogramm für Jugendliche in Frankreich,
verhalf während der Hitler-Zeit vielen aus Deutschland geflüchteten jüdischen Kindern zur Auswanderung nach Palästina, arbeitete 1944/45 als Dolmetscherin für die französische Armee und reiste kurz nach der Ausrufung der Unabhängigkeit selbst nach Israel. Über den Holocaust, den sie in der Schweiz überlebte, schrieb sie in ihren Gedichten. Und das mit einer unverwechselbaren, einzigartigen, spätexpressionistischen und modernen Stimme. Adressiert sind Parys Gedichte an die Deutschen, die die Juden ermordet haben und ermorden ließen, und die Stimme, die hier spricht, gibt sich als Rächerin zu erkennen, nicht unversöhnlich, aber mit glasklarer Bitterkeit und einer Widerstandskraft, die aus der Tradition jüdischen Schreibens geschöpft ist. Einer von Parys Vorbildern an Humanität und Menschheitsglauben war der deutsche Jude Heinrich Heine, der sein portables Vaterland mit nach Paris genommen hatte. Aber Juliette Pary war keine assimilierte Jüdin, sondern eine russische Emigrantin, die sich des Deutschen bediente, einer ihr ursprünglich fremden Sprache, der Sprache der nationalsozialistischen „Mörder-Horden“, wegen deren sprachlicher und poetischer Vorzüge. Sie stürzte ihre Erlebnisse in Dichtung und stützte diese tiefgreifenden Erfahrungen zugleich mit den Gedichten, „jüdisch fühlend, menschlich denkend“, wie sie in einem Gedicht schreibt. Gestaltet sind die Texte mit kunstvollen Formen. Einige Szenen beschreiben schonungslos den Holocaust. Unter die Haut gehende und sprachlich mächtige, wehmütige und anklagende Gedichte über Deutsche und Juden, Geschichte und Gegenwart, über Vernichtung und Hoffnung. Der Publizist und Germanist Andreas F. Kelletat hat den Band „An die Deutschen“, 1946 unter dem Pseudonym Julia Renner in einem französischen Verlag erschienen, in einem Antiquariat aufgestöbert und mit einem klugen Nachwort neu herausgebracht. – Ein wichtiges und sehr lesenswertes Buch.
Michael Braun
rezensiert für den Borromäusverein.
An die Deutschen
Juliette Pary
persona verlag (2025)
135 Seiten
fest geb.