Marschieren - nicht träumen

Dieser Roman ist eine echte Wiederentdeckung. 1931 ist er erschienen und auch besprochen worden, als durchaus humorvoller Abenteuerroman über Erinnerungskultur (im jüdischem Familienblatt „Menorah“). 1966 kam eine Neuauflage heraus. Um den Autor Marschieren - nicht träumen aber, den Journalisten und Gelegenheitsschriftsteller Emil Belzner (1901–1979), blieb es still. Gut, dass jetzt eine weitere Ausgabe seines Romans „Marschieren – nicht träumen“ erscheint. Konträr zu den Erwartungen, die der militärisch klingende Titel weckt, handelt es sich um einen dezidierten Antikriegsroman. Es geht um das Leben des „Major a.D. Ritchard“. Der ist ein Provokateur im Zwielicht von Heeresberichterstattung und Endzeiterzählung. Und sein Leben ist so interessant, dass sich seiner Lebensgeschichte ein deutlich jüngerer Erzähler annimmt, der Journalist mit literarischen Ambitionen ist und schon namentlich mit dem Autor identifiziert werden kann. Doch aus der Vita werden keine Memoiren. Der Major kann nichts zu Ende schreiben, sein Zuhörer sieht Fragmente allenthalben. Und so wird aus der „Postmemory“-Situation ein Plädoyer gegen den Krieg, gegen Gewalt und blinden Gehorsam. Ritchard ist ein Schaf im Wolfspelz. Ein Leser, ein surrealer Erzähler, ein Vertreter einer „Kunst von unten herauf“. Und der Krieg wird in die Kunst verlagert, in den, wie es heißt, „Kampf“ um ein freies und tätiges Leben. Am Ende lässt Ritchard die Phantasie über sich siegen: sie hat ihn zu teils expressionistischen, teils realistischen Schilderungen von Nachkrieg und Unfrieden beflügelt. Empathisch erzählt und fürs Heute lesbar. Sehr empfehlenswert.

Michael Braun

Michael Braun

rezensiert für den Borromäusverein.

Marschieren - nicht träumen

Marschieren - nicht träumen

Emil Belzner
Elsinor (2026)

223 Seiten
fest geb.

MedienNr.: 626736
ISBN 978-3-942788-96-0
9783942788960
ca. 25,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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