Aga

Die autobiografisch gefärbte Erzählung einer Kindheit und Jugend zwischen Abschiednehmen und Neubeginn, zwischen Verlassen und Ankommen. Nach einer antisemitischen Kampagne 1968 muss die fünfjährige Agnieszka (Kosename Aga) mit ihrer jüdischen Aga Familie Polen mittellos und staatenlos verlassen, um zunächst in Israel einen Neuanfang zu wagen. Doch der Vater kann seine journalistische Tätigkeit wegen Sprachbarrieren nicht ausüben, und so übersiedeln sie nach kurzem Aufenthalt in Arad in eine Stadt nach Deutschland, in das „Land der Mörder“. Dort erfahren sie Unterstützung und bekommen eine Wohnung in einem jüdischen Gemeindehaus, in dem mehrere Familien von Holocaust-Überlebenden untergebracht sind. Mit Sara aus dem Dachgeschoss findet Aga eine neue Spielgefährtin. Vieles aus der furchtbaren Vergangenheit des Vaters, der seine gesamte Familie in der NS-Zeit verloren hat, und der übrigen Hausgemeinschaft, erfährt Aga als Kind nur durch Andeutungen, Bruchstücke, Beobachtungen und Flickwerk von beredtem Schweigen der Erwachsen. Ihre Fantasie schmückt aus und reimt sich vieles zusammen, was sie nicht verstehen kann. Daraus entsteht das Spiel um einen Kommissar, der die Mörder immer fangen wird. Auch das Ankommen in Deutschland ist mit Schulbeginn nicht einfach für das kleine Mädchen. Denn nun heißt sie Agnes. Aus Agnieszka in Polen, wurde Ilana in Israel und nun der altmodische Name Agnes in Deutschland. Für ein Kind mit sprachlosen traumatisierten Eltern ist es schwer zu verstehen, „wie man neue Wurzeln schlägt, wenn die alten plötzlich abgeschnitten werden.“ Nach dem Tod des Vaters sucht Agnieszka als junge Frau Antworten und recherchiert die Familiengeschichte. – Konsequent aus der Sicht eines Kindes erzählt mit viel Halbwissen, Fantasie und Vermutungen, die meist unaufgeklärt bleiben, ist dieser Debütroman ein Stück authentischer Erinnerungskultur um die Verletzungen der zweiten Opfergeneration und die jüdischen Migrationserfahrungen nach 1968. Absolut anschaffenswert!

Karin Steinfeld-Bartelt

Karin Steinfeld-Bartelt

rezensiert für den Borromäusverein.

Aga

Aga

Agnieszka Lessmann
Gans Verlag (2025)

240 Seiten
fest geb.

MedienNr.: 623951
ISBN 978-3-946392-60-6
9783946392606
ca. 24,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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