Klassenbuch
In einem Klassenbuch sind die Namen aller Schulkinder einer Klasse aufgelistet. Sie lernen gemeinsam und sollten im Idealfall alle dieselben Startchancen haben. In der Praxis geht es leider nicht so gerecht zu. Denn die feinen Unterschiede, die Pierre
Bourdieu in seinem Klassiker benannte, sortieren schon Kinder in verschiedene soziale Klassen ein. Gerda Raidt thematisiert die Zweideutigkeit des Titelbegriffs und problematisiert die Ungleichheit, die mit den feinen Unterschieden einhergeht. So entscheidet erwiesenermaßen immer noch oft die Familie, in die man zufällig hineingeboren wird, über den späteren Lebensweg, den schulischen Erfolg, die Berufswahl, das Erben. In manchen Familien kommen Kinder spielerisch mit Dingen in Berührung, die sie später in der Schule brauchen; in anderen fehlt die elterliche Unterstützung. Sehr anschaulich bebildert Raidt das Leben als Wettkampf, bei dem manche einen Vorsprung haben und andere mit schwerem Gepäck laufen. Im Spiel des Lebens sind die Karten nicht gerecht verteilt. Den Begriff der Klasse illustriert sie anhand eines Eisenbahnwagons, in dem es verschieden bequeme Abteile gab. Es ploppen knallige Kommentare auf, die immer größer und lauter werden. „Das ist doch ungerecht!“ (S.63). Raidt lässt die Kinder nicht empört und ratlos zurück, sondern gibt Tipps, was man für mehr Gerechtigkeit tun kann: „Schnapp dir ein Buch – denn Buch macht kluch!“ (S.72). Bildung ist die Lösung und dass man die Regeln ändert. – Selten ist das Thema soziale Gerechtigkeit so ehrlich, kindgerecht, lebensnah und visuell ansprechend vermittelt worden wie in dieser von Gerda Raidt erdachten, geschriebenen und illustrierten buchgewordenen Soziologie-Stunde für Kinder. Es sensibilisiert Kinder für Hürden und macht Mut, sie zu überwinden hin zu einer einzigen Klasse, „die für alle ausreichend gepolstert ist“ (S.75). – Allen Büchereien und Schulen sehr empfohlen!
Melanie Schubert
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Klassenbuch
Gerda Raidt
Klett Kinderbuch (2026)
76 Seiten : farbig
fest geb.
Borromäus-Altersempfehlung: ab 8