Runa und die Nebelwanderer
"Und aus den Wiesen steiget, der weiße Nebel wunderbar?" Bei Hannes Wirlinger eher nicht. Hier dringt er düster und unheilvoll in das Leben einer mittelalterlichen Dorfgemeinschaft. Seit geraumer Zeit werden ihm stets sieben Jugendliche übergeben,
dann verzieht er sich wieder. Die Auserwählten, die vor den Augen aller in mystischer Prozession in den Nebel schreiten müssen, sind verschluckt und verloren. Diejenigen, die sich auf die Suche nach ihnen gemacht und es wieder zurückgeschafft haben, erscheinen verwirrt, teilweise aggressiv und nicht mehr von dieser Welt zu sein. Nun ist es wieder so weit, sieben Jugendliche werden bestimmt, um in den Nebel zu ziehen. Mit ihren 16 Jahren könnte auch Runa zu ihnen zählen, und das, obwohl ihre Familie bereits ihre ältere Schwester Sigrun an den Nebel verloren hat. Gerecht scheint es bei dem Auswahlverfahren aber nicht zuzugehen, denn ein Familienmitglied des reichen Dorfherrschers Korger musste noch nie in die Nebelwelt. Durch einen Streich, an dem auch Runas Freund Gero beteiligt ist, läuft es diesmal aber ganz anders und am Ende geht Runa freiwillig in das Dickicht des Nebels. An ihrer Seite neben Gero und seinen Freunden auch Nadja, die Tochter der Korgers. Schnell stellt sich heraus, dass auch sie Interesse an Gero hat. Schnell stellt sich aber auch heraus, dass in der anderen Welt zahlreiche weitere Gefahren lauern. Magische Kreaturen greifen an, zwielichtige Wesen dringen in Runas Denken und steuern ihre Gedanken, verwirren mit Visionen von Zukunft und Wünschen. Zum Glück ist Runa eine geschickte Bogenschützin, denn mehr als einmal gilt es, sich und die Gruppe zu verteidigen. Dabei verliert sie ihr Ziel jedoch nie aus den Augen: ihre Schwester zurück nach Hause zu holen. – Hannes Wirlinger erzählt ein episches Abenteuer. Gerechtigkeit, Liebe und sexuelles Begehren, Eifersucht und Gier werden darin thematisiert. Ein mystischer Mix, dessen Hauptfigur ein bisschen an Katniss Everdeen erinnert, aber weniger selbstbewusst handelt. Die zahlreichen kunstvollen Schwarz-Weiß-Zeichnungen von Ulrike Möltgen spiegeln die fantastische Parallelwelt in Düsternis, Gewalt und Unheil wider. Daneben aber auch immer wieder flirrend zarte und irgendwie magische Szenarien. Atmosphärisch, spannend und geheimnisvoll.
Anna Winkler-Benders
rezensiert für den Borromäusverein.
Runa und die Nebelwanderer
Hannes Wirlinger ; mit Illustrationen von Ulrike Möltgen
Verlagshaus Jacoby & Stuart (2026)
340 Seiten : Illustrationen
fest geb.
Borromäus-Altersempfehlung: ab 14