Mit dem Wind tanzen
Schon zum zweiten Mal begibt sich der Autor an Bord der "Marion Dufresne", die Kurs auf das Kerguelen-Archipel nimmt. Diese Inselgruppe ist für viele Naturwissenschaftler, aber auch für Techniker und Mediziner, ein interessantes "Freiluft-Labor".
Frankreich betreibt hier, am Ende der Welt, im südlichen Indischen Ozean mehrere Forschungsstationen. Der Künstler ist überwältigt von den spektakulären Eindrücken dieser Landschaft und gleichzeitig beschäftigt ihn auch die Gemeinschaft der Menschen, die an diesem extremen Ort ihre Arbeit in den Dienst der Forschung stellen. Ihre fein gezeichneten Porträts nehmen in dieser dokumentarischen Graphic Novel breiten Raum ein. Es scheint, als brächen sich durch die Schwierigkeiten der gemeinschaftlichen Aufgabe bei vielen individuelle Charakteristika, Wünsche und Traumata Bahn, was vom Zeichner ohne Grenzverletzungen offengelegt wird. Doch die Hauptakteure bleiben für ihn die Landschaft und ihre Fauna, Pinguine, Seelöwen und Robben. Ihnen in ihrem für Menschen so unwirtlichen Lebensraum zu begegnen, ist für alle eine Herausforderung. Auch hier gelingen Aufnahmen, die das Wesen der Tiere sehr originell abbilden. Aber mehr noch: das Meer, die Berge, die Felsformationen und Eiswüsten sind die Sujets, die dieses Buch zu einem Meisterwerk machen. Fern von aller romantischen Verklärung wird hier ein "Nicht-Ort" gezeigt, alterslos, beinahe unbewohnbar, gleichgültig gegenüber uns und den Zeitläuften. Die Aquarelle zeigen dystopische Visionen, deren Schönheit aufblitzt und die sogleich von den Naturgewalten überdeckt wird. Schönheit und Schrecken in einem Bild – auch die Leser:innen werden sich von diesen Ansichten überwältigen lassen!
Dominique Moldehn
rezensiert für den Borromäusverein.
Mit dem Wind tanzen
Emmanuel Lepage ; aus dem Französischen von Harald Sachse
Splitter (2026)
205 Seiten : farbig
fest geb.