Ein Mädchen verließ das Zimmer
Tanja, Nachzüglerin eines Künstlerpaares, die häufig hinter den Bedürfnissen der Eltern zurückstecken muss, lernt auf einer Vernissage den charmanten Schriftsteller Eg kennen, einen Mann, in den man sich – laut Aussage der Mutter – „leicht
verlieben kann“. So beginnt eine scheinbar gleichberechtigte Beziehung zwischen dem 43-jährigen Mann und dem Kind, das durch die offensichtliche Zuneigung des Mannes aufblüht und nur noch in Erwartung seines nächsten Briefes lebt, ihm schriftlich ihr Herz öffnet und immer tiefer in eine zunächst nur erträumte, bald aber auch reale Liebesbeziehung hineinmanipuliert wird, was ihr allerdings erst viel später bewusst wird und sie zeitlebens verfolgen wird. Als Tanja dann mit 18 eine zarte Liebe zu einem Gleichaltrigen erlebt, beginnt sie zu ahnen, wie viel ihrer Jugend ihr genommen wurde. Aber erst als Mutter einer kleinen Tochter, weitere 20 Jahre später, erkennt sie auch das Verbrechen, das an ihr verübt wurde, das auch ihrer Tochter widerfahren könnte – und fragt sich zum wiederholten Mal, warum niemand sie beschützt hat. Obwohl die älteren Geschwister den Missbrauch offen thematisiert hatten, verhielten sich die Eltern eher indifferent, die Mutter führte eine intensive Korrespondenz mit Eg, wie Tanja erst nach ihrem Tod entdeckte. – Ein schwieriges Buch zu einem schwierigen Thema, das in einem Milieu von Künstlern spielt, in dem auch Beziehungen zu Kindfrauen nicht unüblich zu sein scheinen. Es spielt zwischen 1980 und heute, teils in Dänemark, teils in Schweden. Manchen Sex und manch unappetitliche Details hätte man sich gern erspart und lieber tiefer mit der Protagonistin in ihre seelischen Nöte und eine mögliche Erlösung geblickt, was von einzelnen Einsprengseln im Text abgesehen, zu wenig, zu distanziert beleuchtet wird. In Dänemark ein Bestseller.
Elisabeth Bachthaler
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Ein Mädchen verließ das Zimmer
Ulrikka S. Gernes ; aus dem Dänischen von Ursel Allenstein
GUTKiND (2026)
382 Seiten
fest geb.