Wintons Kinder
Nicholas Winton, Londoner Börsenmakler, besucht 1939 ein Flüchtlingslager in Prag, wo nach dem Münchner Abkommen viele aus dem deutsch-besetzten Sudetenland Zuflucht suchen. Erschüttert von den Zuständen, organisiert er von London aus für das
Britische Komitee für Flüchtlinge aus der Tschechoslowakei (BCRC) jüdische Kindertransporte, sucht Pflegefamilien und beschafft Geld. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit, denn mit dem Einmarsch der Wehrmacht in Polen schließen die Grenzen und Evakuierungen sind nicht mehr möglich. Gemeinsam mit seinen unermüdlichen Mitstreitern und -streiterinnen gelingt es ihnen, in acht Zügen 669 Kinder aus Prag nach London zu bringen und in Pflegefamilien unterzubringen. Mit gefälschten Arbeitsvisa schmuggeln sie zudem erwachsene Juden und Sudetendeutsche mit in die Züge. Podprockýs Bildsprache fängt die düstere, bedrohliche Atmosphäre auf schwarz hinterlegten Seiten gekonnt ein. Gestapomitarbeiter werden als schaurige, gesichtslose Fratzen gezeichnet, die eine schwarze, triefende Masse hinterlassen, die alles verschluckt. Wintons Team kommt in Superheldenoptik daher. Das ist künstlerisch schön umgesetzt, wobei die tschechische Autorin in ihrem ausführlichen Nachwort selbst schreibt, dass man weder Bösewichte noch Helden äußerlich erkennt. Heldentum bedarf keiner übernatürlicher Kräfte; Wintons „Superkraft war eine besondere Mischung aus Hartnäckigkeit und Güte.“ (S. 215). Verecká referiert die historischen Geschehnisse und stellt die Beteiligten des Helfer-Netzwerks in Kurzbiografien vor. Wintons Notizbuch, das die Rettungsaktion erst 1988 publik machte, kann im Yad Vashem Archiv online gelesen werden. Der bescheidene Winton und seine Verbündeten sind Vorbilder für Zivilcourage. Ihnen wird hier ein würdiges literarisches Denkmal gesetzt.
Melanie Schubert
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Wintons Kinder
Tereza Verecká ; Illustrationen: Mikulás Podprocky ; Übersetzung von Katharina Hinderer
Knesebeck (2026)
223 Seiten : farbig
fest geb.