Heim

Tilda und Willem lernen sich vor dem Zweiten Weltkrieg auf einem Schiff kennen. Er ist als Flieger in geheimer Mission auf dem Weg nach Spanien. Erst nach dem Krieg treffen sie sich wieder und heiraten. In den 50er-Jahren haben die beiden eine Tochter. Heim Die 7-jährige Hannah ist anders als gleichaltrige Kinder. Sie hat sehr spät laufen gelernt und spricht noch immer kaum. Mit Vorliebe zählt und sortiert sie Pflanzen, Tiere und Dinge, wie Grashalme, Ameisen oder Muster auf Teppichen. Die Mutter fühlt sich überfordert mit Hannahs Gefühlsschwankungen und Wutausbrüchen. Den Eltern ist klar, dass eine Regelschule für das Kind nicht in Frage kommt. So entscheiden sie sich, ihre Tochter in ein Heim zu geben, und treten das Sorgerecht an die Heimleitung ab. Dort wird das Kind häufig mit Medikamenten ruhiggestellt und ans Bett gefesselt. – Die Autorin wählt für ihre erschütternde Geschichte wechselnde Perspektiven und eindringliche sprachliche Bilder. Sie schildert sowohl die Gedanken der Eltern als auch des Kindes. Das kleine Mädchen nimmt ihren Körper wahr, in Abgrenzung zur Bettdecke, zum Fußboden oder zur Beruhigungsspritze. Um zu überleben, schafft es sich Zufluchtsorte im Kopf. Hennig von Lange erzählt im letzten Teil des Buches von ihrem Großonkel, der Guernica bombardiert und seine Tochter in ein Heim gegeben hat. Auch wenn der Großteil ihrer Geschichte fiktiv ist, gibt sie Hannah eine Stimme und erörtert die Frage nach den Lehren, die wir aus unserer Vergangenheit ziehen können. Eindringliche Empfehlung!

Susanne Emschermann

Susanne Emschermann

rezensiert für den Borromäusverein.

Heim

Heim

Saskia Hennig von Lange
Jung und Jung (2024)

248 Seiten
fest geb.

MedienNr.: 619662
ISBN 978-3-99027-403-3
9783990274033
ca. 23,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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