Lotusfüße
Chunxius Mutter dringt darauf, dass ihrer Tochter die Füße gebunden werden. Kleine Füße gelten im China der letzten Kaiserzeit viel: nur mit "Lotusfüßen" ist den Frauen ein Leben in einer wohlhabenden Familie garantiert. Die Prozedur hält unsagbare
Qualen für das Mädchen bereit. Nur scheinbar hat sich die Tortur gelohnt, denn Chunxiu gilt als "gute Partie" unter den Heiratskandidatinnen. Die chinesische Revolution macht dieser Tradition jedoch ein Ende. Es verschlägt Chunxiu aufs Land, wo sie zunächst als Bäuerin, später als aufopferungsvolles Kindermädchen arbeitet. Der Erzähler setzt der Frau, die ihn als Kind betreute, mit dieser Graphic Novel ein Denkmal. Vielleicht mehr noch als in seinem 3-bändigen Werk "Ein Leben in China" erfährt man als Leser von den tiefgreifenden Veränderungen, die China in den letzten 100 Jahren erfahren hat. Die Lotusfüße der Frauen und die langen Zöpfe der Männer stehen sinnbildlich für die verkrusteten Traditionen im Feudalismus. Besonders in den Szenen des dörflichen Lebens, am Markt und in den Obstgärten erhalten die "kleinen Leute" ihre vielklingenden Stimmen. Die Schwarz-Weiß-Zeichnungen zeigen groteske Physiognomien, die vom harten Landleben geprägt sind; die Dialoge sprechen vom Verharren in alten Strukturen, von Furcht vor dem Neuen, von der Infiltration der revolutionären Propaganda. Hier ist es das Einzelschicksal, das berührt: Das Leid einer alten Kinderfrau, ihr grausames Schicksal, ihre Opferbereitschaft und Hingabe zu den Kindern kommen als Liebesgabe in dieser Graphic Novel zum Ausdruck.
Dominique Moldehn
rezensiert für den Borromäusverein.
Lotusfüße
Li Kunwu
Ed. Moderne (2015)
127 S. : überw. Ill.
fest geb.