Prisma
So handlich und ansprechend dieses kleine Buch auf den ersten Blick wirkt, so überraschend vielschichtig stellt es sich bei der Lektüre dar. Man kann es der Gattung Künstlerbuch zuordnen, das nach Art von Graphic Novels fünf Bilderzählungen aufblättert.
Lassen sich bei den ersten beiden Stories noch nachvollziehbare Erzählstränge herauslesen, so treiben die drei anderen ein Verwirrspiel mit Betrachtern und Lesern. Dabei geben wiederkehrende Motive vor, ein Handlungsgerüst aufzubauen: tropische Landschaften, einsame Häuser, Bus- und Autofahrten und das Meer tauchen immer wieder unvermittelt als Erkennungsmarker auf. In diesen Szenerien agieren namenlose Figuren, deren Wesensmerkmale ebenso im Dunkeln bleiben wie die Hintergründe für ihr Tun. Kurze Sequenzen erinnern an Cartoons ohne Pointen. Albtraumhafte Episoden lösen sich entweder im Nichts auf oder enden in schockartigen Momenten. So kann eine ganz ungewohnte Lektüreerfahrung gemacht werden, denn wenn eine Erzählung auf jeglichen konventionellen Aufbau verzichtet, gestaltet sich das Lesen als Aufspüren und Weiterdenken von erzählerischen Linien. Die kleinformatigen Panels beinhalten reichen Stoff: überbordende Landschaften, hektisch agierende Kritzelfiguren, gespenstische Interieurs, dekorative Rahmungen. Hier werden farbensatte, energische Bilderwelten skizziert, die in ihrer Fülle vorgeben, viel zu sagen zu haben. Analog zum Medium Bilderbuch können sich erwachsene Leser/-innen wie Kinder den Bildern hingeben, sich einfühlen oder verstören lassen. Freunde von experimentellen Graphic Novels werden hier einen bibliophilen Schatz heben können!
Dominique Moldehn
rezensiert für den Borromäusverein.
Prisma
Joe Kessler ; Übersetzung aus dem Englischen: Christoph Schuler
Edition Moderne (2021)
271 Seiten : farbig
kt.