Auf schwankendem Boden
Der Familienurlaub in Holland, der Schwimmunterricht des Großvaters im Rhein, der Teich in seinem Garten und das Marinedenkmal an der Ostsee – all diese Orte und Erlebnisse gehören zur Familiengeschichte der Erzählerin dieser Graphic Novel. Es
sind ihre eigenen Erinnerungen, aber auch Familiengeschichten, die als Auslöser dienen für die Reisen zu den Lebensstationen ihrer Vorfahren und ihrer Kindheit. Dabei spielt das Wasser eine große Rolle, denn dieses fluide Element ist eine treffende Metapher für den schwankenden Grund, auf dem sie sich verortet. Auch ist von Angst die Rede, von Schwindel und Unsicherheit und man merkt den Zeichnungen an, dass sie als Anker dienen sollen, sich ihrer Herkunft gewahr zu werden. Diese skizzenhaften, kaum lesbaren Blätter fangen das Atmosphärische ein, das die Außenwelt ihr bietet und dem sie mit eigenen Assoziationsströmen antwortet. Die zarten Bilder sprechen eben nicht die Sprache der geschichtlichen Tatsachen, sie ähneln eher Erinnerungsspuren und mischen das Erlebte mit dem Erzählten. Beim Waldspaziergang mit ihrer Mutter wird der Autorin bewusst, dass sich auch die Orte ihrer Kindheit während ihrer Abwesenheit verändert haben. Doch statt den Lauf der Dinge bannen zu wollen, nähert sich diese künstlerische Arbeit dem Fluss des Lebens an – eine versöhnliche Geste gegenüber dem Unabwendbaren der Veränderung.
Dominique Moldehn
rezensiert für den Borromäusverein.
Auf schwankendem Boden
Kerstin Wichmann
Edition Moderne (2024)
164 Seiten : farbig
kt.