Saloon
Die Großmutter lädt sehr formell ihre Kinder, Enkel und eine Kassiererin zu einer Familienfeier ein. Das Haus, eine Art Saloon, befindet sich im Wilden Westen; für die meisten ist schon die Anfahrt eine Zumutung. Viel zu sagen haben sich die Gäste
nicht, mühsam versucht die Großmutter, ein Gespräch zu initiieren. Im Laufe des Abends kommt Streit auf, der bald eskaliert. Und schon sind zwei berittene Streitschlichter zur Stelle ... Diese Graphic Novel lässt sich als Roman einer dysfunktionalen Familie lesen, deren Mitglieder wie Marionetten in ihren eingespielten Rollen feststecken. Schon das Setting, eine Wüstenlandschaft in den USA, versetzt die Figuren und die Handlung in einen fremdartigen Raum, der an einen Western erinnert. Und wie in diesem Filmgenre üblich, kommt es gegen Ende zum Showdown, bei dem allerdings die Streitschlichter die Eskalation in neue Bahnen lenken. Surreale Momente sorgen für Irritationen (ein Zug namens "Prosecco Express", Schilder und Banner mit nichtssagenden Redensarten), die das Geschehen in zusätzliche Absurditäten hineinschrauben. Rätsel türmen sich auf, die Lektüre gleicht einer Spurensuche, in der jeder Fund mit einem neuerlichen Geheimnis beantwortet wird. Die strengen Bildarchitekturen werden von skizzenhaft gezeichneten Figuren bevölkert; die grell-bunte Kolorierung und das experimentelle Lettering arbeiten der verschrobenen Traumlogik zu. "Saloon" legt gewaltsame Familienkonstellationen offen und bebildert ein rauschhaftes Geschehen, das wahrlich als "kafkaesk" bezeichnet werden kann. Ein großer Wurf, dem der Spagat zwischen Witz und Katastrophe gelingt!
Dominique Moldehn
rezensiert für den Borromäusverein.
Saloon
Mia Oberländer
Edition Moderne (2025)
358 Seiten : farbig
fest geb.