Baumschatten
Mitten auf dem Schulhof einer Berliner Schule steht eine sogenannte "Hitler-Eiche", um die ein Konflikt entbrennt: Erika, die Enkelin des früheren Schulleiters, möchte die Eiche fällen lassen. Sjonnie und seine Tochter Joss wollen aus ökologischen
Gründen das Fällen verhindern, wie auch Kamil, der sich im "antifaschistischen Baumkollektiv" engagiert. Sjonnies alte Tante mischt sich als Umweltaktivistin ebenfalls ins Geschehen ein. All diese Protagonisten sind miteinander bekannt und haben ihre eigenen Geschichten: Sjonnie hat eine Geschlechtsumwandlung hinter sich; er hatte eine kurze Liebesbeziehung mit Kamil, dessen Tante war von den Nationalsozialisten zwangssterilisiert worden. In dieser Graphic Novel werden viele Handlungsstränge gewoben, miteinander verknüpft und nicht zu Ende erzählt. Dass Erika, Sjonnie und Kamil ständig auf Dating-Portalen beschäftigt sind, verkompliziert die Sache. Alle Figuren tragen schwer an ihren brüchigen Biografien und ihren Familiengeschichten. Das ist dramaturgisch nicht immer glücklich gelöst, da etliche Ungereimtheiten stehenbleiben und man Stringenz vermisst. Auch die Bündelung der Themen wirkt etwas gewollt: natürlich haben Öko-Aktivisten auch ein Sexual- und ein Familienleben, aber die Verstrickungen dieser komplizierten Problemlagen tun der Story nicht gut, zumal die Zeichnungen nicht immer eindeutig sind. Trotz aller Kritik: es ist dieser Arbeit anzurechnen, dass aufgezeigt wird, wie weit die Historie noch in unsere Gegenwart reicht und unser Schicksal bestimmt – wie das breite Geäst eines alten Baums.
Dominique Moldehn
rezensiert für den Borromäusverein.
Baumschatten
Joris Bas Backer ; aus dem Englischen von Christoph Schuler
Edition Moderne (2026)
272 Seiten : farbig
kt.