Emmas Zeit
Wenn wir an die Schweiz denken, dann tauchen schnell Klischees auf: Berge, Uhren und Nummernkonten bei den Banken, eher spießige Bewohner. Emma, eine fiktive 1908 geborene Frau, zeigt anhand ihrer Biografie auch ein anderes Gesicht des Landes: ihr
Verlobter wurde 1918 beim Generalstreik erschossen, sie selbst und vor allem ihre Tochter engagieren sich für das erst spät erreichte Frauenwahlrecht. Diskriminierung und Ausbeutung der vor allem italienischen Gastarbeiter ist ebenso ein Thema wie der zunehmende Antisemitismus in den 30er-Jahren und die zunehmende Sympathie mit Nazi-Deutschland. Offiziell war Deutschland eine feindliche Nation während des Krieges, trotzdem war der Antisemitismus allgegenwärtig. Nach Kriegsende war er zumindest offiziell verschwunden und der allgemeine wirtschaftliche Aufschwung erreichte schnell die Schweiz. Aber die Fremdenfeindlichkeit, die Ablehnung von Neuem – hier am Beispiel von amerikanischer Musik – und die immer noch aktiv betriebene Benachteiligung von Frauen zeigt die Autorin eindrucksvoll anhand der Geschichte ihrer fiktiven Protagonistin Emma. Dazu lässt sie reale Persönlichkeiten zu Wort kommen und zeichnet so ein Bild der Schweiz fern von romantischer Bergidylle, in der die Machthaber skrupellos ihre Machtposition missbrauchen, um Macht und Reichtum zu erhalten. Auch wenn die Graphic Novel viele persönliche und subjektive Eindrücke enthält, so trägt sie dazu bei, ein für uns kaum bekanntes Land in neuem Licht zu sehen.
Lotte Schüler
rezensiert für den Borromäusverein.
Emmas Zeit
Fanny Vaucher ; Zeichnung: Éric Burnand ; aus dem Französischen von Christoph Schuler
Edition Moderne (2026)
208 Seiten : farbig
fest geb.