Orlando
Vor rund 100 Jahren erschien Virginia Woolfs Roman "Orlando", dieser lange "Liebesbrief" an die Geliebte Vita Sackville-West, nach deren Vorbild Woolf ihre Titelheldin schuf. Der junge Edelmann Orlando, zur Regimentszeit Elisabeth I. geboren, durchmisst
vier Jahrhunderte, wechselt das Geschlecht, erlebt Amouren und Abenteuer in der Ferne, um schließlich als moderne junge Frau im London der 1920er Jahre ein emanzipiertes Leben zu führen. "Orlando" ist als feministische und queere Literatur gefeiert worden, als moderner Historien- und Liebesroman, dessen sprachliche Eleganz auch heute noch besticht. Eine hohe Messlatte also für eine Adaption des Romans als Graphic Novel. Tatsächlich lotet die Autorin und Zeichnerin alle gestalterischen Spielräume aus: Szenarien in wilden Farbräuschen und kleinteiligste Anordnungen der Panels, Schriftzüge, die sich in Bögen um die Sprechenden winden, eine grazile Druckschrift, feingliedrige Bildnisse und grobe Schwarz-Weiß-Skizzen – zeichnerisch wird die größte Palette aufgefahren, um den Zauber der Geschichte zu beschwören. Auch die Autorin Woolf schaltet sich mitunter kommentierend ein. Dieses Mosaik an Stilmitteln wird der literarischen Vorlage gerecht, auch wenn die Psychologie der Figuren sich öfter in Kostümwechseln erschöpft. Die elegante Leichtigkeit und Opulenz von Woolfs Schreiben ist kaum nachzuahmen; doch erfreut man sich beim Betrachten an dieser charmanten, fluiden, traumtänzerischen Hauptfigur. Für Einsteiger in Woolfs Romanwelt sei diese Arbeit gern empfohlen.
Dominique Moldehn
rezensiert für den Borromäusverein.
Orlando
Virginia Woolf ; Susanne Kuhlendahl
Helvetiq (2025)
206 Seiten : farbig
fest geb.