Das Gleißen der Nacht
Luzifers Vorrede über den Menschen lässt nichts Gutes erahnen. In der Tat: Ungerechtigkeit, Machtgier, Brutalität, Eigennutz, Engstirnigkeit - all dies lässt sich aus dem Roman Sigurdssons ("Sjon"), der u.a. mit Lars von Trier gearbeitet hat, destillieren.
Erzählt wird aus dem Leben Jonas Palmasons, genannt Jonas der Gelehrte, der der schillernden historischen Figur des Jon Gudmundsson (17. Jh.) frei nachempfunden ist. Schon als Kind vom Großvater mit Wissensdurst "infiziert" wird Jonas zu einer Art Heiler und Volksgelehrter, von den Menschen gebraucht, genutzt und verworfen. Zum Verhängnis wird ihm, dass er sich von den Mächtigen Islands nicht einspannen lässt und sich (u.a.) dem Gemetzel an spanischen Walfängern entzieht. So werden seine Heilkräfte zum Vorwand für Verfolgung und Verbannung. All dies erschließt sich nicht in flüssiger Lektüre. Der Leser sieht sich vor einem Vexierbild: fantastische Visionen, Zeitsprünge, bisweilen schelmisches Spiel mit Fakten und Namen, Mythisches und (Natur-)mystisches, Episoden aus dem Leben der Hauptperson uvm.- kurz: Der Leser wird von dem intellektuellen Spiel des Autors gefordert! Es bleibt, wie von Luzifer angekündigt, der kritische Blick auf den Menschen - immerwährend und zeitlos gültig! Anspruchsvollen Lesern nachdrücklich empfohlen. (Übers.: Betty Wahl)
Birgit Karnbach
rezensiert für den Borromäusverein.
Das Gleißen der Nacht
Sjón
S. Fischer (2011)
282 S.
fest geb.