Der multiple Roman
Jeder Roman ist eine Welt für sich; entsprungen aus den ganz eigenen Erfahrungen eines Autors, gebunden an einen Ort, eine Zeit, eine Sprache. Was aber macht einen Roman zur Weltliteratur? Wodurch wird er so "multipel", dass auch Leser mit einem ganz
anderen Lebenshintergrund sich darin wiederfinden? Wie kann ein Roman von einer Kultur, von einer Sprache in eine andere übersetzt werden? Wer darauf eine systematisch ausgefeilte Antwort erwartet, wird von diesem nicht ganz leicht zu lesenden Buch wohl enttäuscht. Denn es stellt in der Form einer Aneinanderreihung kleiner Essays vor allem literarische Experimente vor, wie etwa die nur aus einem Satz bestehenden Romane von B. Hrabal. Thirlwell entdeckt auf diese Weise jedoch Elemente des Internationalen, auf der Seite des Romans selbst wie auch auf der Seite des Lesers. Zweifellos findet sich darin vieles, was ein Autor beachten sollte, der einen guten Roman schreiben will; nicht minder groß ist aber auch der Nutzen für den Leser, wenn er sich z.B. dessen bewusst wird, wie ein bestimmter Stil Effekte in ihm erzeugt, oder wenn er Einblicke in die Kunst des Übersetzens nimmt. Vor allem aber gewinnt er eine tiefe Erfahrung des Menschlichen, das immer wieder zur Erzählung von Geschichten treibt, die fremd und doch unsere eigenen sind.
Richard Niedermeier
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Der multiple Roman
Adam Thirlwell
S. Fischer (2013)
525 S.
fest geb.