Wo geht das Licht hin, wenn der Tag vergangen ist

Erst als Fünfzigjähriger erzählt ihr Vater der Ich-Erzählerin in groben Zügen, was ihm und der Familie Olonetzky aus Stuttgart seit den 30er Jahren angetan wurde. Seine Brüder erkannten frühzeitig, dass es für Juden in Deutschland kein Leben Wo geht das Licht hin, wenn der Tag vergangen ist mehr geben würde, und wanderten nach Palästina aus. Benjamin blieb trotz aller Gefahren, Schikanen in Stuttgart - durch seine Ehe mit einer Nichtjüdin mit altem arischem Stammbaum wurde er nicht, wie die meisten Stuttgarter Juden, deportiert, mit dem Endziel Vernichtung. Er wurde jahrelang zur Zwangsarbeit an verschiedene Baufirmen verliehen. Trotz ständiger Unterernährung und Entkräftung hielt er durch. Erst als 1943 auch ihn der Befehl erreichte, sich an der Sammelstelle zum Abtransport einzufinden, tauchte er mit seiner Frau unter. Unter dramatischen Umständen gelang die Flucht in die Schweiz, wo er sich eine Existenz aufbauen konnte. Doch das Trauma des Erlebten war zumeist präsent und führte bald zum Ende der Ehe. Die Heirat mit der zweiten Frau, der Mutter der Autorin, war ein Neubeginn, aber auch mit Konflikten belastet. Die Tochter ahnte mehr als sie wusste, dass ihr Vater viel Leid erlebt hatte, und entdeckte erst viel später Akten des Vaters, v.a. ein für sie bestimmtes Tagebuch, und begann dann mit der Suche nach weiteren Informationen über das tragische Leben der Olonetzkys. Viele Unterlagen in deutschen Archiven der Nachkriegszeit zeigen die mühsame, aber auch hartnäckige Forderung des Vaters nach Entschädigung. Da türmten sich wahre Bürokratiemonster im Bereich des BEG, des Bundesentschädigungsgesetzes, auf; das nimmt viel Raum im Buch ein. Trotz der unzähligen Berichte über das Schicksal der Juden v.a. in Deutschland ist das ein dokumentarischer Familienroman, der schmerzlich, eingängig ist und nachdenklich macht. Es ist ein Text in gepflegter Sprache, gedankenreich, mit passenden eigenwilligen Wortschöpfungen. Keine alltägliche Lektüre, die aber bestens empfohlen werden kann.

Erwin Wieser

Erwin Wieser

rezensiert für den Sankt Michaelsbund.

Wo geht das Licht hin, wenn der Tag vergangen ist

Wo geht das Licht hin, wenn der Tag vergangen ist

Nadine Olonetzky
S. Fischer (2024)

446 Seiten
fest geb.

MedienNr.: 752689
ISBN 978-3-10-397590-1
9783103975901
ca. 25,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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