Die neue Mittagsgöttin
Der Schriftsteller Günter de Bruyn (1926-2020) hat sich vor allem durch seine subtil diktaturkritischen Romane, seine kulturpolitischen Deutschland-Essays und seine Geschichtserzählbücher über Brandenburg einen Namen gemacht. Aus Anlass seines
100. Geburtsjahrs hat sein Verlag nun einen Band herausgebracht, der besonderes Interesse verdient. „Die neue Mittagsgöttin“ gehört zu dem kleinen Kreis von Nacherzählungen, mit denen der Autor romantischen Stoffen ein modernes Gewand verpasst hat, zuvor in seinen Adaptionen von „Tristan und Isolde“ (1975) und „Die neue Udine“ (2021). „Die neue Mittagsgöttin“, aus dem Nachlass des Autors publiziert, geht um den Konflikt zwischen Gewissen und Gesellschaft. Wilhelm Bölsches naturalistische Berlin-Kulisse – in dessen Roman „Die Mittagsgöttin“ aus dem Jahr 1891 – wird ins 21. Jahrhundert übertragen. Worum geht es? Ein Schriftsteller und Naturwissenschaftler, Wahlberliner aus Köln, besucht das märkische Schloss eines Grafen, um dort an spiritistischen Sitzungen teilzunehmen. Die skurrile Szenerie gewinnt Format durch die skeptischen Betrachtungen des Erzählers, die de Bruyn gegenüber der Vorlage erheblich verstärkt. Die „Mittagsfrau“, eine unheimliche Gestalt aus dem wendischen Sagenkreis, wird mit dem Medium der okkulten Besprechungen konfrontiert, einer rätselhaften, faulige Rosen liebenden, alterslos wirkenden Frau. Die abwägenden Äußerungen des Grafen über Migration und soziale Gerechtigkeit werden in unsere Zeit übertragen. Aus dem urbanen Zeugnis einer Schwellenzeit macht de Bruyn so die Geschichte eines polykritischen Erfahrungswandels. Sehr lesenswert.
Michael Braun
rezensiert für den Borromäusverein.
Die neue Mittagsgöttin
Roman aus dem Jahre 1801 von Wilhelm Bölsche, neu und anders erzählt von Günter de Bruyn
S. FISCHER (2026)
127 Seiten
fest geb.