Der Sinn des Lesens
Bei einem bekannten niederländischen Journalisten wird 2013 das unheilbare Nervenleiden ALS diagnostiziert. In dieser Zeit rasch eintretender Veränderungen und elementarer Einschränkungen, die er im vollen Bewusstsein an sich beobachtet, schreibt
er 52 Kolumnen über den Verlauf seiner Krankheit und vor allem über einige berühmte Werke und Autoren, von Seneca angefangen über Thomas Mann bis zu Astrid Lindgren. In diesen anrührenden und lebensfrohen, sehr personen- und lebensbezogenen Betrachtungen setzte er seinen körperlichen Verfall, den er nüchtern und ohne Lamento beschreibt, in Beziehung zu Werken der Weltliteratur. Trotz des (tod)ernsten Grundthemas sind diese kunstvollen Essays voll uneitler, tapferer Souveränität und ohne jedes Pathos. Literatur, manchmal auch ein Gedicht oder ein philosophischer Gedanke, bekommt hier einen überraschend neuen Sinn fürs Leben. Steinz gelingt es, bei seinen Lesern neues Interesse an alten oder neuen Büchern zu wecken. Es ist imponierend, zu erfahren, welchen Reichtum er in seinem Leben allein durch sein pausenloses Lesen angesammelt hat. - Ein Buch, das man gerne in die Hand nimmt, auch wenn man nicht wie der Autor leidet oder gar kurz vor dem Lebensende steht. Der Leser bekommt einen sehr persönlichen Eindruck, welchen Einfluss Weltliteratur, die wir lesend in uns aufgenommen haben, in den Fragen unseres Daseins und der Lebensgestaltung spielen kann.
Armin Jetter
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Der Sinn des Lesens
Pieter Steinz
Reclam (2016)
220 S. : Ill.
fest geb.