An seinem Platz sein
Wir leben in einer Welt, die sich im Moment selbst stark infrage stellt. Bisher als sicher Angenommenes verliert seine Wertigkeit, Altes und Gewohntes hat noch keine neue Entsprechung gefunden. Wie reagiert der moderne Mensch auf diese Herausforderung?
Die französische Philosophin Claire Marin (Jg. 1974) stellt Fragen und findet Antworten, die den Leser nicht nur zum Nachdenken anregen, sondern emotional bewegen. Die immerwährende Sehnsucht nach Heimat und Verwurzelung steht dem Wunsch nach Veränderung gegenüber. Wo wird die Sicherheit zum Gefängnis? Bringt uns unser freier Wille an unseren Platz oder ist es die Zufälligkeit der Ereignisse? Vielleicht typisch französisch wird der Liebe und der Leidenschaft für die Häutungen des Menschen im Laufe seines Lebens eine große Bedeutung beigemessen. In einer sehr poetischen Sprache führt uns die Autorin durch verschiedene historische und literarische Zeiträume und ermöglicht dem Leser eine andere, ungewohnte Sicht der Dinge. Dabei sind ihre Gedankengänge wohltuend wenig psychologisierend. Mit profundem literarischem Wissen benennt sie bekannte wie unbekanntere Schriftsteller wie Georges Perec, Annie Ernaux, Michel Foucault, Kafka als Zeugen für ihre philosophischen Betrachtungen, eine Fundgrube für weitere literarische Erkundungen. Das Buch ist in kleine Kapitel mit interessanten Überschriften unterteilt, auf die der Leser auch nichtchronologisch zugreifen kann. Ein absolut empfehlenswertes Buch für Liebhaber Frankreichs, der Philosophie und der französischen Literatur, bei dem man bemerkt, was einem schon solange gefehlt hat.
Renate Feldmeyer
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
An seinem Platz sein
Claire Marin ; aus dem Französischen übersetzt von Ute Kruse-Ebeling
Reclam (2023)
197 Seiten
kt.