Das Tränenhaus
Die ledige Schriftstellerin Cornelie Reimann muss Anfang des 20. Jh. ihr Kind in einem abgelegenen schwäbischen Dorf im „Geburtshaus“ der Hebamme Uffenbacher diskret zur Welt bringen. Doch ist die aus der höheren Gesellschaft stammende Cornelie
entsetzt über die Zustände dort. Nachdem sie sich von ihren Mitbewohnerinnen zunächst abschottet, sieht sie deren Not aus nächster Nähe und freundet sich mit ihnen an. Die Frauen werden schlecht behandelt und die Säuglinge werden mit Mohnsaft ruhiggestellt. Aufgrund ihrer Herkunft und Bildung kann Cornelie die Uffenbacherin das Fürchten lehren, als sie damit droht, sich an den Landrat zu wenden. Gekonnt schildert Reuter auch den Wandel ihrer Protagonistin hinsichtlich des Kindsvaters, den sie erst hasst, ihm aber vergibt, um sich selbst ihre Freiheit als ledige Mutter zu erkämpfen. Die bildhafte Sprache und die philosophischen Betrachtungen der Protagonistin gegenüber den im Dialekt gehaltenen Dialogen ihrer Mitstreiterinnen tragen dazu bei, das soziale Gefüge der Wilhelminischen Zeit darzustellen. Wie aus dem Nachwort und den biographischen Daten zu Gabriele Reuter (1859 – 1941) hervorgeht, hat die Autorin autobiographische Erlebnisse in die Erzählung eingebunden. Bei seinem Erscheinen 1908 wurde der Roman zu einem Skandal – eine unverheiratete Frau, die ihr Kind allein erzieht, das geht nun wirklich nicht – und gehört zu den für die Anfänge der Frauenbewegung prägenden Texten. Auch heute noch lesenswert.
Adelgundis Hovestadt
rezensiert für den Borromäusverein.
Das Tränenhaus
Gabriele Reuter
Reclam (2026)
201 Seiten
fest geb.