Räuberleben
Der mehrfach ausgezeichnete Berner Autor hat hier viel mehr als die packende Schilderung eines historischen Räuberschicksals - in enger Anlehnung an die verfügbaren Quellen - gestaltet. Im Juli 1787 war in der Stadt Sulz der berüchtigte Räuberhauptmann
Hannikel aus der Sippe der Sinti nach einer regelrechten Treibjagd gefangen genommen und zusammen mit weiteren Mitgliedern seiner Bande hingerichtet worden. Alle Angehörigen, selbst die kleinen Kinder, mussten der Hinrichtung zusehen, bevor sie im Zuchthaus bzw. im Armen- und Waisenhaus eingesperrt wurden. Dieterle, dem Sohn Hannikels, war später die Flucht gelungen und so mag der verheerende Brand, der die Stadt 1794 heimsuchte, kein Zufall gewesen sein. So denkt jedenfalls der Schreiber Grau, aus dessen Sicht über weite Strecken erzählt wird. Obwohl er in den Diensten des gefürchteten Sulzer Oberamtmanns Schäffer steht, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, all den "Räubern, Jaunern und Zigeunern das Handwerk zu legen", fühlt er mit den Opfern, ja verabscheut dessen kaltes bürokratisches Gerechtigkeitsstreben. - Obwohl der in einer Art Kreisstruktur angelegte Roman die Hinrichtung als Beginn und Ende des Romans gestaltet, baut sich eine unerhörte Spannung auf, die v.a. aus der Darstellung der inneren Konflikte aller Beteiligten, aus den unterschiedlichen Perspektiven des Erzählens und aus der Farbigkeit der Situations- und Charakterschilderungen resultiert. Ein großer, gerade auch sprachlich beeindruckender historischer Roman über das Schicksal der Zigeuner im ausgehenden 18. Jh., über den Menschen in seiner Güte, seiner Hinfälligkeit und über die Gesellschaft in ihrer Selbstgerechtigkeit und Brutalität.
Räuberleben
Lukas Hartmann
Diogenes (2012)
345 S.
fest geb.