Ich gegen Osborne
Am ersten Montag nach den Frühlingsferien passiert der 17-jährige Ich-Erzähler James Weinbach um genau 7.47 Uhr das Schultor der Osborne Senior High-School. Um 15.27 Uhr verlässt er (nach sieben minutiös und höchst lebendig protokollierten Unterrichtsstunden)
das "Backsteinungeheuer" als der an diesem Tag meistgehasste Schüler. Er hatte sich vorgenommen, seiner Freundin Chloe endlich seine Liebe zu offenbaren. Und er hatte ein Kapitel seines Romanprojekts "Neurotica" im Kreativkurs vorzustellen. Beides geht komplett schief. James, der sich immer schon als Moralist, Intellektueller, demonstrativer Außenseiter und hochmütiger Verächter aller Ausprägungen der modernen Jugendkultur geriert, schafft es, dem Direktor die Absage des Abschlussballs - für James der Höhepunkt der "Großen Hurerei", für die meisten Schüler das herausragende Event des Jahres - abzupressen. Nun hat James seinen Triumph, allerdings nur für kurze Zeit, denn nicht nur eine Welle der Empörung bricht los, er muss sich und anderen auch eingestehen, dass seine als hochmoralisch kaschierte Aktion in Wahrheit seiner Verletztheit, seinen Minderwertigkeitsgefühlen und seinem Lebensekel entsprungen ist. - Dieser nicht nur psychologisch hochinteressante Adoleszenzroman zeichnet ein zwar satirisch zugespitztes, dennoch glaubwürdiges, ungemein detailliertes und keineswegs klischeehaftes Bild von den Zuständen an einer US-amerikanischen High-School zur Zeit der Jahrtausendwende. Dass der Roman für den Helden ein wenig erbauliches Ende nimmt, zeigt den Realitätssinn des noch junge Autors und dass er eine Menge vom Leben und der Natur des Menschen versteht. Eine faszinierende Lektüre für jeden, der mehr als oberflächliche Unterhaltung will, obwohl die ausgesprochen amüsante, erfrischend originelle, manchmal jugendlich-drastische Erzählweise nicht nur jüngere Leser ansprechen dürfte. (Übers.: Hans M. Herzog)
Ich gegen Osborne
Joey Goebel
Diogenes (2013)
430 S.
fest geb.