Martha und die Ihren
Zu Beginn des 20. Jh. lebt die kleine Martha in einem Schweizer Dorf in der Nähe von Bern. Nach dem frühen Tod des Vaters kann die Mutter die sechs Kinder nicht mehr versorgen. Sie kommen in die Obhut der Fürsorge und werden als „Verdingkinder“
zu unterschiedlichen Bauernfamilien geschickt. Martha kommt zu einer Familie mit fünf Kindern und sitzt am Ende des Tisches. Wenn die Schüssel mit dem Essen bei ihr ankommt, ist wenig bis gar nichts mehr darin. Das Mädchen ist fleißig und gut in der Schule. Es schafft es, sich Respekt bei den Eltern zu verschaffen, Liebe erfährt es keine. Nach der Schule beginnt Martha, in einer Fabrik zu arbeiten. Vor der Volljährigkeit heiratet sie den Schuhmacher Jakob und bekommt zwei Söhne, Toni und Peter. Immer arbeitet sie für zwei, getrieben vom Zwang, ihre Herkunft abzuschütteln. - Der 80-jährige Schriftsteller Lukas Hartmann erzählt die Lebensgeschichte seiner Großmutter Martha in Romanform. Das harte Leben hat sie zu einer harten Frau gemacht, der es schwergefallen ist, Zuneigung zu zeigen. Spät gelingt es ihr, sich gegen ihre Rolle als Frau zu wehren. Der Zwang, bis zur Erschöpfung zu arbeiten, überträgt sich auf ihren älteren Sohn. Erst in hohem Alter öffnet sich Martha ihrem Enkel und schildert ihre schwere Kindheit und Jugend. Der Roman ist ein eindrucksvolles Beispiel für verhängnisvolle Denkmuster, die über Generationen weiterbestehen. Breit empfohlen!
Susanne Emschermann
rezensiert für den Borromäusverein.
Martha und die Ihren
Lukas Hartmann
Diogenes (2024)
295 Seiten
fest geb.