Geteiltes Haus
Alice Horácková zeichnet in ihrem groß angelegten, chronik-ähnlichen Roman die Schicksale der miteinander auf Engste verwobenen tschechischen und deutschen Familien im Riesengebirge vom Ende der K.u.K.-Monarchie bis zur Vertreibung der Sudetendeutschen
aus der Tschechoslowakei nach. Die Berggemeinde Benecko (Benetzko) wird im Buch zur literarischen Bühne der wechselhaften Geschichte des 20. Jh. Ob gewaltsame Grenzverschiebungen, Kriegsleiden, Arisierungsverbrechen oder Denunziantentum: Die kurzen, mosaikartigen Buchkapitel legen abwechselnd den Fokus auf die Angehörigen der Familien Honcu und Hollmann. Thematisiert werden etwa der ideologische Fanatismus, der die Hollmann-Brüder und deren Söhne gegeneinander aufhetzt, die Gesetze in der Minderheitenpolitik, die einen Riss in die binationale, zweisprachige Ehe von Zdenka Honcu und Vinzenz Hollmann treiben sowie die Traumata der Flucht und Aussiedlung, die schließlich Zdenka und ihre in die Hollmann-Sippe eingeheiratete Jugendfreundin Anežka voneinander trennen. Auf der Basis historischer Quellen und Recherchen im eigenen Familienarchiv zeigt die tschechische Autorin eindrücklich, wie sich großpolitische Entscheidungen unmittelbar im Alltag der einfachen Dorfbewohner niederschlagen. Zugleich verhandelt der Text die bis heute brisanten und unbequemen Fragen nach den Täter-Opfer-Rollen und der historischen Schuld sowie der Vergeltung und Versöhnung. Für Interessierte an zeitgeschichtlichen Stoffen breit empfohlen!
Slávka Rude-Porubská
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Geteiltes Haus
Alice Horácková ; aus dem Tschechischen von Sophia Marzolff
Diogenes (2026)
743 Seiten
fest geb.