Ich glaube, mir fehlt der Glaube
Der Buchtitel ist sowohl Ausdruck des Zweifels als auch einer Suche der aus der katholischen Kirche ausgetretenen Autorin, die anfangs hoffte, durch ihre hier wiedergegebenen Interviews alles Spirituelle endgültig als Illusion ablegen zu können.
Am Ende bekennt sie: "Ja, ich glaube." Zwar nicht entschieden einer bestimmten Weltanschauung folgend, aber doch mit mehr Orientierung und Richtung als zuvor. Die meisten der von ihr Befragten hatten ursprünglich eine christliche Sozialisation in der Schweiz: freikirchlich, evangelisch-reformiert oder katholisch. Manche haben die Konfession gewechselt, manche sich ganz umorientiert, etwa zum religionskritischen humanistischen Ritualbegleiter, zur Astrologin oder zur buddhistischen Nonne. Zu Wort kommen auch z.B. ein Pfarrer, eine lesbische Pfarrerin, eine muslimische Seelsorgerin, eine evangelische Theologin, eine Yogalehrerin mit jüdischem Hintergrund, ein Channeling-Medium und: ja, auch ein Katholik (Jahrgang 1986). Das Buch zeigt vielfältige Facetten heute gelebter Spiritualität und kann dabei helfen, Anknüpfungspunkte zu finden, sei es für das eigene Glaubensleben, sei es für den Dialog mit Menschen, die auf andere Weise spirituell sind als man selbst. Es wurde mit Unterstützung Reformierter Schweizer Kirchen gedruckt. Allerdings muss erwähnt werden, dass einer der Beiträge sich um die bewusstseinserweiternde Pflanzendroge Ayahuasca dreht, deren teils extrem unangenehme, in seinen Augen aber heilsame Wirkungen der Gesprächspartner (ein Zen-Lehrer und ehemaliger Pfarrer) beschreibt und die er für sich selbst nutzt. Im Buch wird nicht erwähnt, dass sie eine in der Schweiz (ebenso wie in Deutschland) verbotene Substanz enthält. Michelle de Oliveira schreibt in ihrem Nachwort in ebenfalls positivem Kontext, dass sie "im Rahmen dieses Buchs Erfahrungen mit bewusstseinserweiternden Substanzen machte" (S.225). Insofern nur eingeschränkt empfehlenswert.
Monika Graf
rezensiert für den Borromäusverein.
Ich glaube, mir fehlt der Glaube
Michelle de Oliveira
Pano (2024)
229 Seiten : Illustrationen (farbig)
kt.