Kukum
Michel Jean ist wohl der bedeutendste der Autoren Kanadas mit indigenen Wurzeln. Mit "Kukum" liegt nun auch auf Deutsch ein Roman von ihm vor, der wohl wie kein anderer dazu geeignet ist, einen Einblick in die Lebenswelt der Innu, einer der Ureinwohnergruppen
Kanadas zu geben. In kurzen, oft schlicht erzählten Kapiteln wird die Lebensgeschichte der Frankokanadierin Almanda erzählt. Die freiheitsliebende Almanda - bereits seit früher Kindheit ein Waisenkind - verliebt sich in Thomas, einen Innu. Sie heiratet ihn, verlässt Onkel und Tante, die sie bisher aufgezogen hatten, und schließt sich der Familiengruppe ihres Mannes an. Das Leben der Innu ist naturverbunden, hart, ein Wanderleben zwischen dem Winterquartier im Reservat von Pointe Bleue und einem Jägerleben in den nördlichen Wäldern. Lebensader ist der große See Pekuakami. Almanda lernt, wie eine Innu zu leben. Es ist kein leichtes, aber ein gutes Leben, bis Holzfäller anfangen, die Wälder und damit den Lebensraum der Innu zu vernichten und den Familien ihre Kinder weggenommen werden, damit sie "modern" erzogen werden. - Jeans Roman ist oft romantisch, aber nicht sentimental. Ihn durchzieht das Trauma, das alle "First Nations" in Kanada prägt, deren Lebensgrundlagen und Traditionen über Jahrzehnte von den Kanadiern unterdrückt wurde. Dadurch, dass er seine kanadische Großmutter (kukum) in das Leben der Innu eintauchen lässt, gelingt es ihm leicht, auch die Leser in diese fremde, untergegangene Welt der freien Innu mitzunehmen. Obwohl man das traurige Ende dieser Lebenswelt bereits von Beginn des Romans an erahnt, bleibt er auf eine stille Art fesselnd und ergreifend, dabei bei aller Melancholie aber auch lebensbejahend und froh. Allen Büchereien sehr ans Herz gelegt.
Friedrich Röhrer-Ertl
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Kukum
Michel Jean ; aus dem Französischen von Michael von Killisch-Horn
Unionsverlag (2022)
191 Seiten : Karte
kt.