Hier können Sie im Kreis gehen
Damit er seiner Umgebung und vor allem seiner geliebten Enkelin Sophie nicht zur Last fällt, täuscht der sehr alte, aber körperlich und geistig noch rüstige Witwer Kehr eine fortschreitende Demenz vor, um so in ein Pflegeheim eingewiesen zu werden.
Dort lebt er unter und mit den mehr oder weniger verwirrten und gebrechlichen Menschen und macht so seine Beobachtungen. Allein in seinem Zimmer oder bei seinen heimlichen Ausflügen kann er die Maske des Dementen ablegen, ansonsten muss er stets die wackelige Balance halten zwischen augenscheinlich verwirrt, aber doch noch in einer Gruppe eingliederungsfähig. Oft macht Herr Kehr sich einen Spaß aus dieser Situation, - wenn er beispielsweise seinen Tischnachbarn das Dessert stibitzt, oder die ungeliebten Mitbewohner ärgert, meistens aber ist es doch eher anstrengend, so zu leben, und manchmal hinterfragt der Greis diese Idee, seinen Lebensabend so zu verbringen. - Der Roman wird erzählt im Wechsel zwischen Monolog von Herrn Kehr und Beobachtung von außen. Der Ich-Erzähler ist klug, sprachgewandt, guckt hinter die Kulissen und nimmt kein Blatt vor den Mund. In kurzen prägnanten Sätzen, in denen neben der nüchternen Klugheit auch immer viel Humor aufblitzt, erzählt er viele Episoden aus seinem langen Leben und berichtet über seine Beobachtungen, wobei er auch mit harten Worten nicht spart, wenn er das Heim bezeichnet als Einrichtung, in der "verschlissenes Menschenmaterial ... seiner Entsorgung harrt". Scharfsichtige Formulierungen und weise Erkenntnisse geben Herrn Kehrs Monolog Tiefe und Witz, wenn er etwa feststellt: "Ein weiterer Vorteil im Pflegeheim: Niemand wundert sich, wenn man nicht hört!" oder "Unscheinbar zu sein ist die Königsdisziplin der Pflegeheimgesetzlosen". Intelligente Lektüre über ein wichtiges Thema, das zum Nachdenken und Schmunzeln anregt!
Ulrike Braeckevelt
rezensiert für den Borromäusverein.
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Frédéric Zwicker
Nagel & Kimche (2016)
157 S.
fest geb.