Nexus
Yuval Harari, Universalhistoriker und Hochschullehrer, widmet sich der Frage, wie die Künstliche Intelligenz (KI) künftig soziale Mechanismen beeinflussen wird. Harari behauptet, dass zu allen Zeiten Informationsnetzwerke entscheidend für die Ausübung
von Macht waren. Erst Netzwerke schafften jene imaginierte soziale Realität, die dann in der realen Welt mit Autorität umgesetzt werden würde. Die großen Buchreligionen, Hexenjagden zu allen Zeiten und totalitäre Ideologien dienen ihm als Beleg. Bald dürfte KI die komplette Macht über "Soziale Medien" ausüben und ihr gleichzeitiges Unvermögen zur Selbstkorrektur das Manipulationspotential noch um beängstigende Dimensionen erweitern. Eingriffe zur Schadensbegrenzung seien mit Eile geboten. – Harari ist ein begabter Geschichtenerzähler. Neuartige Ableitungen aus Altbekanntem sind sein präferiertes Stilmittel. Die historischen Beispiele für die Gedankenführung sind passend gewählt und eingängig. Allerdings rutscht der Autor auch schon mal seitenweise ins Trivial-Geschwätzige ab. Andererseits reißt er faszinierende Aspekte wie den durch die KI neu aufgeworfenen Gegensatz von Leib und Seele mit nur wenigen Sätzen an. Stringent im Mittelteil, lässt das Buch als Ganzes allerdings Balance und Momentum vermissen. Auch nach 550 Seiten wirkt es unrund. Aber selbst ein "schwacher Harari" liest sich noch mit Gewinn. Lesenswerter Einstieg in die Gedankenwelt des Autors. Seine Fans dürften das Buch wohl weniger als gelungene Fortsetzung seiner Erfolgsreihe empfinden.
Werner Wagner
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Nexus
Yuval Noah Harari ; aus dem Englischen von Jürgen Neubauer und [einem anderen]
Penguin Verlag (2024)
655 Seiten
fest geb.