Mit beiden Händen den Himmel stützen

Der Debütroman von Lilli Tollkien handelt von der Protagonistin Lale und deren Aufwachsen in einer Berliner Männer-Kommune in den 1980ern. Drogenabhängige Mutter, alkoholabhängiger Vater, sexueller Missbrauch, beständige Respektlosigkeit gegenüber Mit beiden Händen den Himmel stützen Frauen, Abtreibung – die Handlung lässt kaum eins der vom Setting her bereits zu erahnenden Probleme aus. Und doch: es gelingt der Autorin das Wunder der Gleichzeitigkeit. Die Protagonistin erfährt Fürsorge, Unterstützung, findet in der Schule und ihren Regeln Halt – jede Figur, selbst der Mann, der sich an dem Kind in seiner Obhut vergreift, bleibt menschlich. Im Nachgang der Gerichtsverhandlung zu den Verbrechen, die Gisèle Pelicot erlebte sowie angesichts von steigenden Zahlen der sexualisierten Gewalt in Deutschland ist die Lektüre des Romans keine seichte Kost. Zwar findet der Großteil der Handlung in Berlin vor dem Mauerfall statt, die Aktualität ist aber greifbar. Laut Klappentext ein Roman von einer „Kindheit und Jugend im Ausnahmezustand“, ist im Buch das Gegenteil der Fall: Die Ausnahme zeigt sich in all ihrer Normalität und Allgegenwärtigkeit. Doch selbst am tiefsten Punkt im Leben Lales bleibt Hoffnung greifbar und der Weg hin zum Ausdruck und zum In-sich-Ruhen durch das Schreiben ist stets möglich und wird erreicht. So wird der Roman am Ende die Geschichte einer eigenmächtigen Befreiung.

Janina Dillig

Janina Dillig

rezensiert für den Sankt Michaelsbund.

Mit beiden Händen den Himmel stützen

Mit beiden Händen den Himmel stützen

Lilli Tollkien
aufbau (2026)

255 Seiten
fest geb.

MedienNr.: 624620
ISBN 978-3-351-04284-4
9783351042844
ca. 24,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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