Südbalkon
Ruth Amsel, abgebrochenes Medizinstudium, danach ein Praktikum in der Todesanzeigenabteilung einer Zeitung und seitdem nichts. Von "Wiedereingliederung" und "Selbstständigen-Training" hält sie wenig, auch die Existenzberatung ihrer Freundin Maja
lässt sie kalt. Lieber verbringt sie ihren Tag mit Spaziergängen, dem Beobachten von Patienten im Krankenhausgarten und Kaffeepausen in der Küchenabteilung von Möbelgeschäften. Für ihren Freund Raoul spielt sie das Flittchen, wenn er es verlangt, sonst kümmern sie sich nicht viel umeinander. Seit der Sache mit ihrem Kind findet Ruth keinen Platz mehr in der Gesellschaft, hat sich aber mit ihrer Situation abgefunden, würde am liebsten einfach so weitermachen. Auch als Raoul sie betrügt, kann Ruth sich nicht dazu aufraffen, etwas zu unternehmen. Bis sie Pawel kennenlernt. Pawel, der sie ernst nimmt. Sie bemerkenswert nennt. Pawel, der ihr zeigt, dass das Leben doch noch mehr bietet. - Tragisch und komisch, voller Abscheu und doch sehnsüchtig - so schildert die Autorin das Leben am Rande der Gesellschaft in einer Großstadt. Durch den gelungenen Wiener Schmäh gewinnt das Buch an Unterhaltungswert, doch hinter dem Galgenhumor verbirgt sich eine kritische Gesellschaftsanalyse. Sehr empfehlenswert.
Verena Aignesberger
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Südbalkon
Isabella Straub
Blumenbar (2013)
254 S.
fest geb.