Joan Didion und wie sie die Welt sah
Joan Didion (1934-2021) gilt als wichtigste Chronistin der US-Gesellschaft und scharfe Beobachterin ihrer Zeit. Schreiben war für sie eine Mission. Ihrem jüngeren Lesepublikum und ihren Zuhörer:innen riet sie: „Stürzt euch hinein in den Aufruhr
der Welt!“ Die Journalistin, Kritikerin und Hochschullehrerin Evelyn McDonnell bewundert an Didion besonders die Fähigkeit, sich der Zufriedenheit entgegenzustellen. Sie gestaltete schon in ihrem ersten Roman „Run River“ (1963) die amerikanische Literaturlandschaft neu. Nicht mehr der Osten, sondern das Leben im Westen der USA war das literarisch Neue und Fesselnde. Ihre bevorzugte, neue Form des Journalismus führte sie nicht in Ämter und zu Pressestellen, sondern zu den Treffpunkten und Wohnungen der jungen Leute. Sie entlarvte den „moralischen Bankrott des Mythos vom Goldenen Land" und die gesamte Rhetorik des westlichen Expansionismus. In Ihren Artikeln gab sie auch Einblick in die Sexskandale von Präsident Clinton. McDonnell hat für diese Biografie das Leben von Joan Didion hervorragend recherchiert und ihre Werke kommentiert, besonders ihr erfolgreiches Buch „Das Jahr magischen Denkens“, das die große Trauer über den Tod ihres Mannes thematisiert. Ab größeren Beständen empfehlenswert.
Berthold Schäffner
rezensiert für den Borromäusverein.
Joan Didion und wie sie die Welt sah
Evelyn McDonnell ; aus dem amerikanischen Englisch von Andrea Schmittmann
HarperCollins (2024)
287 Seiten : Illustrationen
fest geb.