Blaue Blumen
Zwei kunstvoll ineinander verwobene Geschichten erzählt die junge lateinamerikanische Schriftstellerin in diesem schon 2008 in Brasilien erschienenen Roman, der sehr wortreich von Liebe, Liebesleid und Trennung erzählt. Ein Mann, den seine Frau eben
erst verlassen hat, findet in seiner Post einen Brief vor, der offensichtlich für seinen Vormieter bestimmt ist. Dennoch liest er den absenderlosen Brief und auch die folgenden. Ist es zunächst bloße Neugier, so gerät er mit jedem Brief immer mehr in den Bannkreis dieser geheimnisvollen Geliebten des anderen Mannes: "Er fühlte eine so starke nicht zu bändigende Sehnsucht ..." (S. 209) Sie beschwört in nicht enden wollenden elegischen Klagen ihren Geliebten, der sie verlassen hat, zu ihr zurückzukommen, sie sucht nach Gründen für das Ende ihrer Liebe, erinnert an gemeinsame Erlebnisse und offenbart dabei ihre intimsten Gefühle, ihre Verletztheit und ihre Verstörung. Parallelen zu seiner eigenen eben erst gescheiterten Beziehung drängen sich dem unbefugten Leser auf. Immer mehr wird ihre Geschichte zu seiner eigenen. Er vernachlässigt zunehmend seine kleine Tochter und seinen Beruf und versucht die geheimnisvolle Absenderin zu finden, die "ihm so vertraut und doch gleichzeitig eine Fremde" ist (S. 155). Es gelingt ihm nicht, und der Roman endet in einer phantastisch-irrationalen Volte: Es scheint so, als sei er der eigentliche Adressat. Wer die geheimnisvolle Briefschreiberin ist, bleibt im Dunkeln. Handlungsarme, ein wenig monotone Innerlichkeitsprosa - für geduldige Leser/innen! (Übers.: Maria Hummitzsch)
Blaue Blumen
Carola Saavedra
Beck (2015)
222 S.
fest geb.