Kant
Wer wie einst Moses Mendelssohn die drei Kritiken Kants entnervt beiseitegelegt hat, dennoch aber Kant unbedingt verstehen möchte, sollte zu dieser Einführung von Marcus Willaschek greifen. Nicht nur, dass sie in klaren Linien den Primat der Praxis,
also das Themenfeld von Freiheit, Menschenwürde und verpflichtendem Handeln im individuellen wie im sozialen und politischen Bereich herausarbeitet und die schwierigen erkenntnistheoretischen Fragen als theoretischen Unterbau erst gegen Ende behandelt; sie zeichnet von Kant ein farbiges Bild seines Lebens und seiner Zeit, entwickelt sein Denken als vermittelnde Synthese aus dem Ungenügen des zeitgenössischen Empirismus und Rationalismus heraus. Jedes der 30 Kapitel dieses Buches sucht nach einem eigenen Zugang, setzt unterschiedliche Akzente, steuert aber auf ein Grundverstehen zu, das zwar primär den philosophischen Laien im Blick hat, jedoch auch manches Konfliktfeld der Kant-Interpretation nicht umgeht. Verstehen kann man aber etwas nur, wenn man es aus dem eigenen Frage- und Denkhorizont heraus begreift. Und das ist die große Leistung dieses Buches: Es verlässt die Ebene bloßer Philosophiegeschichte, bezieht unser eigenes philosophisches Fragen und Denken mit ein und regt somit auch an, ganz im Sinne von Kants Vorstellung von Aufklärung, ein eigenes Gespräch mit diesem großen Denker zu beginnen.
Richard Niedermeier
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Kant
Marcus Willaschek
C.H.Beck (2023)
430 Seiten : Illustrationen
fest geb.