Ein Engel an meiner Tafel
Janet Frame wird 1924 als drittes von fünf Kindern im neuseeländischen Dunedin geboren. Sie ist ein schüchternes und kluges Kind. Nach der Schule besucht sie die pädagogische Hochschule, um Lehrerin zu werden. Die Arbeit mit den Kindern macht ihr
Freude, doch am liebsten möchte sie Schriftstellerin werden. Sie meidet den Kontakt mit Kolleg:innen und hat panische Angst vor dem Urteil anderer Menschen. Kraft und Trost in ihrer Einsamkeit erfährt sie nur durch ihr eigenes Schreiben und die Literatur. Als der Direktor der Schule ihren Unterricht besuchen will, meldet sie sich krank. Nach Ablauf der Krankschreibung unternimmt sie einen Selbstmordversuch. Die fälschlich gestellte Diagnose „Schizophrenie“ wird sie für Jahre in die Psychiatrie bringen. – Die neuseeländische Autorin Frame schildert in ihrer Autobiografie die verzweifelten Anstrengungen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Sie berichtet von unmenschlichen Zuständen in der Psychiatrie, in der man sie jahrelang mit Elektroschocks quält. Kurz vor einer Gehirnoperation erhält sie einen Literaturpreis. Daraufhin wird sie entlassen und lernt durch ihre Schwester den homosexuellen Schriftsteller Frank Sargeson kennen. In ihm hat sie eine verwandte Seele gefunden. Die beiden lesen und diskutieren gemeinsam Proust, Tolstoi oder Flaubert. Sargeson ermuntert die junge Schriftstellerin, einen Roman zu schreiben und verhilft ihr zu einem Stipendium für eine Studienreise nach Europa. Das Buch ist für alle Literaturinteressierten eine wunderbare Einführung in das Werk der berühmten Neuseeländerin.
Susanne Emschermann
rezensiert für den Borromäusverein.
Ein Engel an meiner Tafel
Janet Frame ; aus dem Englischen von Lilian Faschinger
C.H.Beck (2024)
285 Seiten
kt.