Kant
Kants Genie schlug nicht wie ein Blitz in sein intellektuell eher mittelmäßiges Umfeld ein, sondern erwuchs langsam und im Dialog mit den geistigen Strömungen seiner Zeit - dem Empirismus, Rationalismus, aber auch dem Pietismus und dem orthodoxen
Luthertum -, die auch in Königsberg scheinbar uneinnehmbare Bastionen errichtet hatten. So lässt sich die Kernthese einer der wohl besten und gründlichsten Biografien (erstmals 2001) zu Leben und Werk Kants zusammenfassen. Dabei räumt Manfred Kühn auch mit festgefahrenen Vorurteilen zu Kants Charakter und Lebensweise auf; er schildert ihn als einen durchaus impulsiven, sogar der Französischen Revolution dauerhaft zugeneigten, auf sein Äußeres bedachten und in festen Freundeskreisen verankerten Denker, der seine schon damals als schwierig empfundene Philosophie zu ganz praktischen Zwecken entwarf: um der Menschheit zu Freiheit und Autonomie und einem glücklicheren Leben zu verhelfen. Kant war keine seelenlose Maschine. Kühns Ansatz, Kants Denken biografisch zu verorten, nimmt den drei großen Kritiken ihre zentrale Stellung und verlagert das Gewicht auf die Werke, die vor ihnen verfasst wurden. Das gibt vor allem jenen Lesern, die mit Kants Philosophie nicht so sehr vertraut sind, die Chance, seinen intellektuellen Reifungsprozess nachzuvollziehen, und zwar gerade auch an den Widerständen und Vorbehalten, die Kant oft vehement entgegenschlugen.
Richard Niedermeier
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Kant
Manfred Kühn ; aus dem Englischen von Martin Pfeiffer
C.H.Beck (2024)
639 Seiten : Illustrationen
fest geb.