Große Versprechen

Detlef Pollack lehrte als Soziologe an der Universität Münster. Zu seinen akademischen Forschungsschwerpunkten gehörte der religiöse Wandel, die Säkularisierung und Entwicklung der christlichen Kirchen in den modernen Gesellschaften. Pollack legt Große Versprechen eine kompakte Studie über Krisen und Chancen der westlichen Moderne vor. Er versteht diese als ein unabgeschlossenes Projekt, dessen Gelingen nicht selbstverständlich ist. Umrissen werden die Entwicklung und Erscheinungsformen der Moderne. Die verdichtete Darstellung hat den Reiz, die revolutionären Umbrüche dieser Ära in Abgrenzung von der Vormoderne in ihrer Gesamtheit verständlich zu machen. Diese ist von menschheitsgeschichtlicher Relevanz, gerade weil sie stetig in einem Prozess der Wandlung befindet und einen nicht unverbrüchlichen Erwartungshorizont humanen Lebens aufspannt. Allerdings wird die Moderne von Krisen erschüttert. Ob die aktuellen Kriege, der grassierende Rechtspopulismus oder die sich verschärfende Klimakrise, benannt werden inhärente Gefahren, nicht ohne auch binnenreflexiv nach Antworten zu suchen. Doch nicht nur im Blick auf den aktuellen Weltzustand ist das Projekt der Moderne angegriffen. Sie ist auch aus ihrer Entstehungsgeschichte belastet. So wurde Dominanz auch durch Unterdrückung, räuberische Ausbeutung der Natur und insbesondere der Kolonien erlangt. Patriarchat, Kapitalismus und Kolonialismus gelten als eng miteinander verschränkter Sündenfall des Westens. Besonders aktuell der Umgang westlicher Staaten mit globalen Krisen, fraglich inwiefern noch von einer gemeinsamen Werteordnung des Westens die Rede sein kann. Kann man angesichts der westlichen Klimapolitik oder der (fehlenden) gemeinsamen Verteidigungfähigkeit von einer westlichen Weitsicht oder kumulativen Lernprozessen ihrer Eliten in Anbetracht globaler Multikrisen sprechen? – Insgesamt ein sachliches und historisch reflektiertes Essay zur Analyse der Moderne, welches Krisen deutlich benennt, aber auch die Handlungsfähigkeit ihrer demokratischen Binnenstruktur hinterfragt. Ein hilfreicher Beitrag zur aktuellen Debatte um die Zukunft westlicher Gesellschaften, der das Spannungsfeld zwischen Enttäuschung, Risiko und Hoffnung sensibel ausleuchtet und gerade für Leser:innen empfehlenswert ist, die sich jenseits von Bedrohungszenarien und Verlustsyndromen eine differenzierte Sicht auf die westliche Moderne wünschen.

Daniel Trutwin

Daniel Trutwin

rezensiert für den Borromäusverein.

Große Versprechen

Große Versprechen

Detlef Pollack
C.H.Beck (2025)

191 Seiten
kt.

MedienNr.: 621389
ISBN 978-3-406-82889-8
9783406828898
ca. 18,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: So
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